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Unheimlich gute Freunde

 Ein Bild, vor wenigen Wochen undenkbar: Russlands Präsident Wladimir Putin begrüßt seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Foto: Maltsev/dpa
Ein Bild, vor wenigen Wochen undenkbar: Russlands Präsident Wladimir Putin begrüßt seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Foto: Maltsev/dpa FOTO: Maltsev/dpa
St Petersburg. Recep Tayyip Erdogan fühlt sich von seinen Verbündeten im Westen im Stich gelassen. Er sucht deshalb neue politische Freunde. Seine erste Reise nach dem Putschversuch führt ihn nach Russland. Wolfgang Jung,Can Merey (dpa)

In der Weltpolitik sagt ein Lächeln mehr als tausend Worte. Nach acht Monaten Sanktionen, Beleidigungen und Drohungen sitzen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan im prunkvollen Konstantinpalast vor den Toren von St. Petersburg und machen gute Miene. Es ist das mit Spannung erwartete erste Treffen beider Präsidenten seit Beginn der schweren russisch-türkischen Krise. Trotz des Konflikts fällt die Begrüßung freundlich aus.

Putin geht in seiner Heimatstadt gleich in die Offensive. Es habe Jahre blühender Beziehungen gegeben, aber dann sei die "bekannte Tragödie" geschehen, "bei der im November unser Armeeangehöriger ums Leben kam", sagt der Kremlchef. Er spielt auf den türkischen Abschuss eines russischen Kampfjets im Grenzgebiet zu Syrien an. Moskau reagierte darauf mit umfassenden Sanktionen.

Nun scheint alles anders: "Wir wollen die Wiederherstellung der Beziehungen mit der Türkei in vollem Umfang und werden es machen", sagt Putin nun in St. Petersburg . Und Erdogan nennt Putin gleich zwei Mal "meinen geschätzten Freund" und prophezeit: "So Gott will, werden wir dank dieser Schritte die Ankara-Moskau-Verbindung erneut zu einer Vertrauens- und Freundschaftsverbindung machen."



Noch vor kurzem wären solche Töne undenkbar gewesen. Ein "Helfershelfer der Terroristen" sei das "verräterische Regime" in der Türkei, polterte Putin nach dem Abschuss des Kampfjets - und brachte sogar Erdogans Glauben ins Spiel, bei dem der türkische Präsident gar keinen Spaß versteht. "Allah beschloss, die regierende Clique in der Türkei zu bestrafen, und hat sie um den Verstand gebracht", spottete Putin. Erdogan hält sich beim Austeilen nicht zurück, doch gegen seinen Kreml-Kollegen kam er nicht an. Stattdessen wirkte der sonst vor Selbstbewusstsein strotzende türkische Präsident kleinlaut. "Einige Zeit nach dem Zwischenfall habe ich Herrn Putin angerufen", sagte er damals dem Sender France24. "Aber bis jetzt hat Herr Putin nicht zurückgerufen." Erdogans Rechtfertigungsversuche gipfelten in der Aussage: "Hätten wir gewusst, dass es ein russisches Flugzeug war, hätten wir möglicherweise anders gehandelt."

Und nun alles vergeben und vergessen? Aus Moskauer Sicht hat sich Erdogan entschuldigt, und die russischen Sanktionen etwa gegen die türkische Tourismusbranche hatten den gewünschten Effekt. Eindrucksvoll war dies an den verwaisten Stränden am Mittelmeer zu beobachten, wo zuvor Heerscharen von Russen ihre Körper bräunten.

Besonders die Türkei ist auf Verbündete angewiesen. Schon im Juni hat der von Erdogan installierte Ministerpräsident Binali Yildirim verkündet, Ziel sei es, "die Zahl der Freunde zu mehren, die der Feinde zu verringern". Wie weit die Türkei davon entfernt ist, dafür mag die Zeit nach dem Putschversuch vom 15. Juli ein Indiz sein. Aus der EU fand seit Niederschlagung des Putsches kein einziger Außenminister den Weg zum Beitrittskandidaten, US-Außenminister John Kerry kündigte immerhin seinen Besuch beim Nato-Partner für den 24. August an - dann werden fast sechs Wochen seit dem Umsturzversuch vergangen sein.

"Bei der Wiederannäherung (an Russland) geht es um die Versuche der Türkei, die Isolation um sie herum zu durchbrechen", sagt Özgür Ünlühisarcikli vom German Marshall Fund in Ankara. Der Experte macht ein "Misstrauensproblem" zwischen dem Westen und der Türkei aus, zu dessen Überwindung die bislang ausbleibenden Politikerbesuche in Ankara beitragen würden, sagt er. Ünlühisarcikli glaubt dennoch nicht, dass sich die Türkei von EU und Nato ab- und Moskau zuwendet. "Die Türkei und Russland teilen keine strategischen Interessen, eigentlich stehen ihre Interessen in fast jedem Bereich im Widerspruch." Prominentes Beispiel ist Syrien. Putin unterstützt Präsident Baschar al-Assad , Erdogan fordert seinen Rücktritt. Aber diesen heiklen Teil der Weltpolitik blenden Erdogan und Putin an diesem Tag lieber aus.