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Leitartikel
Zölle auf Stahl sind für die USA ein gefährliches Spiel

Kommentarkopf Lothar Warscheid
Kommentarkopf Lothar Warscheid FOTO: Robby Lorenz / SZ
US-Präsident Donald Trump will es also wissen und plant, auf Stahl- und Aluminium-Importe Strafzölle zu erheben. Damit macht er ernst mit seinem Slogan des „America first“. Trump will auf diese Weise Stahl-Jobs in den USA halten oder gar neue schaffen. Ob diese einfache Formel aufgeht, ist mehr als fraglich. Der Schuss wird vermutlich nach hinten losgehen und sogar Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten gefährden.

Stahl ist längst nicht mehr gleich Stahl. Es gibt eine Fülle von Stahl-Legierungen und -Güten, die in den dicken Wälzern internationaler  Normierungs-Institute dokumentiert sind. Bei vielen dieser Stähle können die US-Konzerne entweder gar nicht oder mit großer Verzögerung einspringen, sollten sich die Lieferungen für die Importeure wegen der Zölle nicht mehr lohnen. Ihre amerikanischen Kunden aus der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau hätten das Problem, dass sie bei der Qualität Zugeständnisse machen oder zu höheren Preisen anbieten müssten. Beides kommt bei Konsumenten nicht gut an, so dass diese Firmen erheblich unter Druck geraten würden.

Dies macht deutlich, dass einseitig erhobene Zölle, um die heimische Industrie zu schützen, nicht mehr in die Zeit passen. Der Welthandel ist dermaßen miteinander verwoben, dass Entscheidungen, die vielleicht gut gemeint sind, selten gut sind. Die ehemaligen Stahlarbeiter, die jetzt auf neue Jobs hoffen, werden enttäuscht zurückgelassen, weil die Welt nicht so einfach funktioniert, wie ihnen vorgegaukelt wurde.

Vor allem in der Stahlindustrie können Arbeitsplätze nur gesichert werden, indem die Unternehmen mit den besseren Produkten, mit Qualität und Liefertreue überzeugen. Abschottung, Subventionen oder Quoten bringen auf Dauer nichts. Sie verlängern nur das Dahinsiechen von nicht mehr marktfähigen Firmen und Werken. Vor allem Europa hat dies in den 1980er Jahren, dem Stahl-Krisenjahrzehnt par ex­cel­lence, erlebt. Die Folge war der Verlust Zehntausender Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite gehören die Unternehmen, die diese Mega-Krise überlebt haben, heute zu den wettbewerbsfähigsten Vertretern ihrer Branche weltweit.



Außerdem hat Amerika eine offene Flanke. Die Strafzölle auf Stahl werden zwar auch die Europäer treffen, doch China würde weitaus stärker gebeutelt. Denn das Reich der Mitte produziert mit fast 810 Millionen Tonnen rund die Hälfte des weltweit hergestellten Stahls. China besitzt aber auch US-Staatsanleihen von mehr als einer Billion Dollar. Und die US-Wirtschaft lebt weiterhin auf Pump mit seinem riesigen Leistungsbilanz-Defizit von 500 Milliarden Dollar jährlich. Andere Nationen finanzieren den Wohlstand der US-Bürger. Sollte China diesen Kapitalstrom austrocknen, könnte das für die US-Wirtschaft ernsthafte Konsequenzen haben.

Ob US-Präsident Donald Trump Einsicht zeigt und all dies bedenkt, bleibt sehr fraglich. Er hält Handelskriege für „einfach zu gewinnen“. Doch jeder Kriegsplan überlebt nur, bis der erste Schuss fällt, lehrte bereits der preußische Militärstratege Carl von Clausewitz.