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Eigensinn kostet Gabriel den Posten
Wegen mangelnder Teamfähigkeit entlassen

Von Werner Kolhoff

Berlin Drei Kriterien nannte Andrea Nahles für die Personalauswahl ihrer Partei: „Wer für die SPD ins Kabinett will, muss kompetent sein und den Koalitionsvertrag umsetzen können“, sagte die künftige Parteichefin. Außerdem müssten die SPD-Minister „als Team funktionieren“.

Sigmar Gabriel kann vieles. Ministerpräsident von Niedersachsen, Umweltminister, Wirtschaftsminister, Außenminister, Vizekanzler, SPD-Vorsitzender. Das alles war er. Auch Finanzminister hätte er sich zugetraut. Was Gabriel aber sicher nicht kann, ist Team. Gestern endete die Karriere des 58-jährigen Goslarers abrupt: „Andrea Nahles und Olaf Scholz haben mich darüber unterrichtet, dass ich der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehören werde“, teilte er mit. Er werde nun als einfacher Abgeordneter weitermachen. Heiko Maas, bisher Justizminister, wird – sein Nachfolger als Chef des Auswärtigen Amtes.

Manche Kommentatoren finden Gabriels Rauswurf töricht. Denn schließlich ist er der beliebteste Politiker der Partei. Und ein politisches Urgestein, wie man es nur selten hat. Redegewandt, emotional, wandlungsfähig, empathisch, es gibt viele gute Eigenschaften. Wenn da nicht die andere Seite wäre: Illoyalität, Rücksichtslosigkeit, Sprunghaftigkeit, Egomanie – eben Teamunfähigkeit. Seit drei Wochen wurde über Gabriels Zukunft diskutiert. Und in dieser ganzen Zeit gab es keine einzige SPD-Stimme von Gewicht, die gefordert hätte, er müsse unbedingt bleiben. Das ist für einen, der die Partei so lange angeführt hat, wie sonst nur noch Willy Brandt und Erich Ollenhauer, ein ziemlich vernichtender Befund.



Gabriel hat ihn sich regelrecht erarbeitet. Er hat Andrea Nahles vor den Kopf gestoßen, als sie seine Generalsekretärin war. So wie praktisch alle aktiven Führungskräfte, von Heiko Maas bis Olaf Scholz, unangenehme Erlebnisse erzählen können. Das Muster: Wo Gabriel Chef ist, profiliert er sich auf Kosten anderer. Zum Beispiel durch überraschende Ideen, von denen die Untergebenen erst aus der Zeitung erfahren. Oder durch öffentliche Erniedrigungen.

Gute Umfragewerte hat fast jeder Außenminister, egal was er leistet. Das ist traditionell so in der Bundesrepublik. Gabriels objektive Bilanz ist nicht so gut. Mit Israel provozierte er unnötige Eklats, ebenso mit Iran und Saudi-Arabien. Mitte Februar sprach er sich bei der Münchener Sicherheitskonferenz für eine Lockerung der Sanktionen aus, wieder mal auf eigene Rechnung. „Ich weiß, dass die offizielle Position eine andere ist“.

Er halte nichts davon, „um Ämter zu kämpfen und sich daran zu klammern“, sagte Gabriel treuherzig vor zwei Wochen. Ein typischer Gabriel-Satz: Mit so viel Gefühl vorgetragen, dass er ihn selbst glaubt. Denn in Wirklichkeit tat er alles, um bleiben zu können. Als Deniz Yücel aus türkischer Haft freigelassen wurde, gab er mittags am Rande der Münchener Sicherheitskonferenz dazu Interviews. Dann flog er eilends nach Berlin zur Pressekonferenz des Springer-Verlages, in der Hoffnung, dort mit dem Welt-Journalisten auftreten zu können. Doch dessen Rückreise verzögerte sich, das Foto fiel aus, und Gabriel flog wieder nach München. Um neue Interviews zu geben.

Schulz manövrierte sich mit seinem Anspruch, Außenminister zu werden, Anfang Februar ins Abseits. Gabriel tags darauf mit seinem Konter, seine Tochter freue sich, dass er nun mehr Zeit für sie habe, statt für diesen „Mann mit den Haaren im Gesicht“. Was er noch mit der Beschimpfung verband, die Parteiführung lasse es an „Wertschätzung“ für seine Arbeit fehlen. Das konnte er nicht mehr einfangen. Nahles und Scholz haben sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.