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Künstliche Intelligenz
Gesichtserkennung

Die künstliche Intelligenz wird immer beunruhigender. So schockiert die App „Clearview AI“ jetzt angeblich Amerika. Vermutlich weil sie etwas kann, das dem überlasteten Menschen immer schwerer fällt: Gesichter erkennen. Von Pia Rolfs

Beim eigenen im Spiegel braucht er morgens oft schon seine ganze Fantasie, um zu merken: Das bin ja ich! Jüngeren kommt ihr Gesicht zumindest von ihren Selfies dunkel bekannt vor. Nach dieser Anstrengung ist es aber unmöglich, dass jemandem zu jedem Nachbarn oder Kollegen, dem er begegnet, der passende Name einfällt. Denn die Kapazitäten der Gesichtserkennung sind dann schon erschöpft.

Immerhin bemerkt der Mensch in seinem gedanklichen Stand-by-Zustand oft noch: Den sehe ich jeden Tag, müsste ich eigentlich kennen. Meist ist er auch in der Lage, durch ein unverbindliches „Ach, hallo!“ ein Erkennen vorzutäuschen. Oder er führt ein Gespräch, indem er die Anrede geschickt umgeht und sich gleichzeitig einredet, dass der andere ihn erkannt hat. Deswegen, welch Trost, ist der Mensch der künstlichen Intelligenz letztlich doch überlegen: Denn er kann sich besser selbst betrügen – weil er es muss.