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Politik sucht Standards für OPs
Schwierige Operation an der Klinik-Qualität

Berlin. (dpa) Woran erkennen Patienten, wie gut ein Krankenhaus ist? Und wie kann man die Qualität der 2000 deutschen Kliniken erfassen und vergleichen? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht da Handlungsbedarf und will neue Ansätze bei Qualitätsmessungen in den Blick nehmen, die bei Mängeln auch deutlichere Konsequenzen haben. Von Sascha Meyer

Patientenschützer warnen aber vor zu pauschalen Lösungen. Beachtet werden müsse, dass Krankenhäuser eine sehr unterschiedliche Klientel haben, die sich dort behandeln lässt. Sonst führe der Wettbewerb automatisch zu Diskriminierung, sagt der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch.

Brysch mahnt, bei Neuregelungen Gefahren nicht außer Acht zu lassen. „Kliniken könnten Risikopatienten bereits im Vorfeld identifizieren und eine Therapie ablehnen.“ Dazu gehörten besonders alte und chronisch kranke Menschen. Denn es liege in der Natur der Sache, dass OP-Ergebnisse bei ihnen weniger gut ausfallen können als bei jüngeren Leuten. Aber auch auf den Standort komme es schon an. „Schließlich haben Krankenhäuser im Umfeld von Pflegeheimen ein anderes Patientenklientel als etwa Kliniken in Skigebieten.“ Möglicherweise gebe es auch mehr unnötige OPs, nur um Mindestmengen zu erreichen.

Hintergrund ist, dass der Gemeinsame Bundesausschuss als oberstes Entscheidungsgremium des Gesundheitswesens für bestimmte planbare Operationen Mindestzahlen festgelegt hat. Das soll eine hohe Qualität absichern, wenn Ärzteteams große Erfahrung mit Eingriffen haben. Bei künstlichen Kniegelenken sind es zum Beispiel 50 Fälle pro Jahr. Von den Vorgaben sind aber Ausnahmen möglich. Spahn berichtete Mitte Juni bei einer Konferenz in Rostock von einer Spezialklinik, in der jährlich rund 2500 Prostata-Operationen auf dem OP-Plan stehen. Dort sei das Risiko für Inkontinenz oder Impotenz als OP-Folge etwa um die Hälfte geringer gewesen als im Schnitt anderer Kliniken.



Mindest-Vorgaben werden allerdings teils auch nicht eingehalten. Nach einer Auswertung für 2017 nahmen 458 von 1152 Kliniken (39,7 Prozent) solche OPs vor, obwohl Mindestfallzahlen nicht erreicht wurden, wie die Bertelsmann-Stiftung ermittelte. Es gibt auch Unterschiede nach Bundesländern sowie bei den Eingriffen, um die es geht. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft erläuterte, wenn solche OPs unterhalb der Mindestmengen gemacht würden, seien es oft zulässige Ausnahmen oder Notfallsituationen. Zum Teil handele es sich auch nur um geringfügige Unterschreitungen. Der Verband schlägt daher flexiblere „Korridore“ vor, die eine Teilnahme der Kliniken an der Versorgung ermöglichen.

Spahn geht es auch darum, Ergebnisse von Qualitätsmessungen für die Patienten transparenter zu machen. Es gehe nicht nur um die Operation selbst, sondern auch um Beobachtungen noch Jahre danach. Ziel sind aber auch Konsequenzen. Wenn Mängel dauerhaft nicht abgestellt würden, müssten Angebote auch „vom Netz“ genommen werden können, hat er argumentiert. Im Gespräch sind demnach auf der anderen Seite auch denkbare Zuschläge für gute Häuser.

Aus Sicht von SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach unterschätzen viele Patienten bisher auch, wie groß Qualitätsunterschiede zwischen den Kliniken sind. Viele bereiteten sich jahrelang darauf vor, wo sie eine Wohnung kaufen wollen – recherchierten aber nicht, wo ein lebenswichtiger medizinischer Eingriff erfolgen solle.

Patientenschützer Brysch weist auf noch andere Aspekte hin. „Wenn es um die Qualität eines Krankenhauses geht, muss ein besonderes Augenmerk auch auf die Hygiene gelegt werden.“ Schließlich erkrankten jährlich bis zu 600 000 Patienten an Krankenhauskeimen.