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Rolf Mützenich
Ein Mann des Ausgleichs soll der SPD Ruhe bringen

 Rolf Mützenich war lange eher als Fachpolitiker bekannt.   Foto: Nietfeld/dpa 
Rolf Mützenich war lange eher als Fachpolitiker bekannt.  Foto: Nietfeld/dpa  FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Berlin. Da wird vielen in der SPD-Bundestagsfraktion ein Stein vom Herzen fallen: Rolf Mützenich, eigentlich nur als Übergangsfraktionschef installiert, will das Amt fortführen. Von Hagen Strauss

Er werde sich am 24. September zur Wahl stellen, schrieb er jetzt den Fraktionsmitgliedern in einem Brief. „Viele positive Rückmeldungen“ der SPD-Abgeordneten hätten ihn bestärkt. Es stimmt, zuletzt haben die Genossen selten so positiv über einen der Ihren gesprochen.

Mützenich schrieb, angesichts wichtiger Projekte wie der geplanten Grundrente und einem Pakt für Lebenswelt und gute Arbeit, die die Sozialdemokraten in den kommenden Wochen in der Koalition umsetzen wollten, habe er sich entschlossen, den Abgeordneten seine Entscheidung als Erste mitzuteilen – „unbeeinflusst von öffentlichen Verlautbarungen oder Kommentaren“. Er wolle, „dass wir uns voll auf die Sacharbeit konzentrieren können“.

Auch am Freitag war nur Gutes zu der Personalie in der Partei zu vernehmen: Mützenich sei ausgleichend, er lasse Debatten in der Fraktion zu, agiere gelassen und vor allem nicht abgehoben, sondern auf Augenhöhe. Alles Eigenschaften, die man über seine Vorgängerin Andrea Nahles nicht zu hören bekam.



Mützenich war nach dem Rücktritt von Nahles Anfang Juni als kommissarischer Fraktionschef eingesetzt worden, um nach Wochen der Selbstzerfleischung der SPD wieder Ruhe in die eigenen Reihen zu bringen. Zu einem Zeitpunkt, als im Hintergrund andere um das Amt kämpften: Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz zum Beispiel. Oder der Chef der mächtigen NRW-Landesgruppe Achim Post. Nicht zu vergessen der einflussreiche und eloquente Niedersachse Matthias Miersch. Post und Miersch versicherten Mütze­nich am Freitag jeweils ihre „volle Unterstützung“. Er sei sich sicher, so Post in einer Erklärung, dass dies auch für die gesamte SPD-Bundestagsfraktion gelte. Mützenich sei mit seiner Erfahrung und seiner großen Glaubwürdigkeit „der richtige Vorsitzende zur richtigen Zeit“. Eine Gegenkandidatur wird es also nicht geben. Ergo: „Der Rolf hat sehr gute Chancen“, hieß es am Freitag.

Aus einer Arbeiterfamilie stammend, wurde Mützenich schon als Schüler 1976 Mitglied der SPD. Auch die Mechanismen einer Fraktion lernte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter frühzeitig kennen. 2002 wurde er dann Bundestagsabgeordneter – und zwar einer, den es nicht unbedingt vor die Kameras drängte, der aber stets mit Fachwissen glänzte. Vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik. In dem Bereich hatte er einst auch an der Universität Bremen promoviert. Sein Thema damals: „Atomwaffenfreie Zonen und internationale Politik – historische Erfahrungen, Rahmenbedingungen, Perspektiven“. Seine Fachkenntnisse machten Mützenich zu einem gefragten Mann in der Fraktion. Als deren Chef noch Peter Struck hieß, musste Mützenich immer ran, wenn es schwierige Fragen zu klären gab. Struck soll dann oft gerufen haben: „Mütze, erklär uns das mal.“

Deutlich war Mützenichs Rede bei der Vereidigung von Annegret Kramp-Karrenbauer als Verteidigungsministerin. Ihn erinnere die Forderung nach mehr Geld für die Bundeswehr „an den Tanz um das goldene Kalb“. Dennoch ist der Kölner keiner, vor dem sich der Koalitionspartner Union fürchtet – sein Manko, wenn man so will. Aber wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, arbeitet er eisern daran. Kürzlich wurde Mützenich 60 Jahre alt. Just in der Woche, als die SPD-Bundestagsfraktion ihr Hoffest feierte. Auf dem Fest bekam er ein Fässchen seines geliebten Kölsch geschenkt. Als Übergangschef komme er schließlich nur noch selten in seinen Wahlkreis, lautete die Begründung. Wenn er am 24. September gewählt werden sollte, muss er endgültig schauen, wo er in Berlin ans Kölsch kommt.