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Offshore-Vorwürfe können Russen nicht schocken

Moskau. Helge Donath

Tagelang hat Kremlchef Wladimir Putin mit einer Reaktion auf die Enthüllungen über Briefkasten-Milliarden seines Umfeldes in Panama gewartet. Nun folgen auch die Medien der Lesart, nach der Putin-Freund und Cellist Sergei Roldugin - laut den Panama-Papieren steinreich - ein reiner Menschenfreund ist und hinter den Enthüllungen die USA stehen. Diese verfolgten unter anderem das Ziel, Kapital aus Offshore-Paradiesen zu zwingen, sich in US-Steueroasen niederzulassen, zwecks endgültiger Kontrolle, wie Moskaus Chefpropagandist Dmitrij Kiseljow am Wochenende mutmaßte.

Der hohe Aufwand, mit dem der Kreml die Berichte aus Panama zu rechtfertigen sucht, wäre nicht erforderlich. Russland war perplex. Jedoch wegen der mickrigen Ausbeute der Offshore-Jäger. Enttäuscht schrieb die Bloggerszene über die Briefkastenfirmen von Putin-Freund Roldugin: "Müde zwei Milliarden". Bereits 2007 hatte der Politologe Stanislaw Belkowski Putins Vermögen auf 40 Milliarden US-Dollar geschätzt - allerdings ohne dies belegen zu können. "Putin nimmt sich, was er will", klagt die Russlandexpertin Karin Dawisha an. Niemand erwarte von den Mächtigen Ehrlichkeit, schreibt der Publizist Dmitri Bykow. Wären sie aufrichtig, "würden wir sie dann so verehren?", fragt er ironisch. Die Mehrheit der Russen ist davon überzeugt, dass jeder, der die Chance hat, stiehlt. Die Gesellschaft lebt in der Gewissheit, Russland sei durchweg korrupt. Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem verschwimmen. Daraus entstehe ein Gleichgewicht, das korrupte Regime lange an der Macht halten könne, sagt der Journalist Kirill Rogow.

Noch immer ist die Zeile eines populären Gedichts aus sozialistischen Zeiten in Erinnerung: "Wer nicht stiehlt, ist auch kein echter Mann, ein Einzeller ist er." Dahinter steht eine auch heute noch gültige Lebensauffassung: Von einem Mann wird erwartet, dass er sein Amt nutzt, um Familie und Freunden Vorteile zu verschaffen. Wer dies missachtet, begeht eine Schande. Sie wiegt schwerer als ein Rechtsverstoß. Nur wenige Partnerinnen akzeptieren eine "Schwäche", auch vor dem Gesetz. Die Betonung traditioneller Werte fördert zurzeit diese Haltung eher noch.

Die Ursachen der Korruption liegen in der russischen Geschichte und dem Prinzip der "kormlenije" - Fütterung. Staatsbedienstete bezogen nur geringe Saläre, erhielten im Gegenzug aber die Möglichkeit, Untergebene zur Ader zu lassen. Zulässig war der Nebenverdienst offiziell nicht. Das machte den Beamten erpressbar und der Herrschaft gegenüber loyal. Dieser Mechanismus wirkt bis heute. Staatsdienst galt seit je als ein Weg zur Bereicherung. Er ist begehrt, da er nicht nur Gewinne garantiert, sondern Eigentum auch sichern hilft. Vor fremdem Zugriff, nicht unbedingt vor Begehrlichkeiten der eigenen Kaste.

Die Angst, des Eigentums verlustig zu gehen, treibt Russland seit Jahrhunderten um - und viele Unternehmen heute in die Offshore-Welten. Sicherung des Besitzes steht im Vordergrund, nicht das Steuersparen. Kremlchef Putin hat die Rückkehr der Unternehmen nach Russland angeordnet. Dem Aufruf zur "Nationalisierung" sind zwar einige Oligarchen gefolgt. Das Gros dürfte sich weiter mit Firmengeflechten in Offshore-Paradiesen verstecken. Ehefrauen, Familien und Geliebte leben längst im "verruchten" Westen. Die Millionärsmeile vor den Toren Moskaus ist fast verwaist.