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Obamas historischer Schritt

Der Kuba-Besuch von US-Präsident Barack Obama wird zurecht als historisch bezeichnet. Er markiert den Höhepunkt einer rasanten Entwicklung. Das, was seit der Ankündigung Obamas Ende 2014, auf Havanna zuzugehen, im Verhältnis der beiden Erzfeinde passiert ist, war Geschichtsschreibung im Expresstempo. Klaus Ehringfeld

55 Jahre Frontstellung wurden in etwas mehr als einem Jahr verwischt. Die ideologischen Differenzen zwischen dem kommunistischen Kuba und den kapitalistischen USA werden bleiben, aber Pragmatismus und vor allem dramatische Notwendigkeit auf kubanischer Seite haben die Veränderungen möglich gemacht. Und Obama sagt sich zu Recht: Was die Aggressionen gegenüber dem Inselstaat über Jahrzehnte nicht fertiggebracht haben, schafft vielleicht wie einst in Osteuropa die Annäherung - nämlich den Wandel.

Aber was treibt beide Seiten zur Annäherung? Zum einen der gesunde Menschenverstand. Der Konflikt beider Länder war nach dem Ende der ideologischen Ost-West-Konfrontation ein historisch-politischer Anachronismus. Jenseits dessen aber schielt Kuba auf Touristen-Dollars aus den USA und die Investitionen der US-Unternehmer, die über kurz oder lang den wegbrechenden Hauptsponsor Venezuela ersetzen sollen. Der dortige Präsident Nicolás Maduro könnte noch in diesem Jahr aus dem Amt gekippt werden. Und dann ist es mit den Öllieferungen zum Vorzugspreis, den Krediten und den üppigen Entlohnungen für kubanische Ärzte, Lehrer und Trainer über Nacht vorbei. Dem will Castro vorbeugen. Und Obama? Der will vor allem eins: Seinen Platz in den Geschichtsbüchern als jener Präsident und Friedensnobelpreisträger sichern, der nicht nur einen Atomvertrag mit dem Iran ausgehandelt, sondern auch den Kalten Krieg in der Karibik beendet hat.

Aber was kommt jetzt? Wird Obama in den kommenden Tagen in Havanna auf die politische Öffnung, freie Wahlen, mehr Demokratie drängen? Wird er sich für das völkerrechtswidrige und absurde Embargo entschuldigen? Das Weiße Haus hat Obamas Auftritt im großen Theater von Havanna schon als das Herzstück der Reise verkauft. Also muss man davon ausgehen, dass nicht nur warme Worte fallen. Das kann sich der Präsident angesichts der kritischen Stimmen im eigenen Land auch nicht leisten.

Aber auch Obama dürfte klar sein: Politische Veränderungen wird es auf Kuba nicht geben, solange Fidel Castro noch lebt und Raul Castro regiert. Erst wenn die Generation derer abgetreten ist, die die Revolution auf der Karibikinsel angeführt haben, wird dort eine Öffnung auch nach innen möglich. Aber ohne den Wegfall des großen Feindbildes, den Kuba gerade erlebt, wäre sie ausgeschlossen.