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Niemand will im Kampf gegen die Erderwärmung vorangehen

 Rauch steigt aus Schornsteinen einer Chemiefabrik in der nordchinesischen Stadt Tianjin auf. Ausgerechnet hier tagte die Vorbereitungsrunde für den nächsten Klimagipfel. Foto: dpa
Rauch steigt aus Schornsteinen einer Chemiefabrik in der nordchinesischen Stadt Tianjin auf. Ausgerechnet hier tagte die Vorbereitungsrunde für den nächsten Klimagipfel. Foto: dpa
Tianjin. Am Ende warfen sich die USA und China nur noch gegenseitig Untätigkeit vor. Der offene Streit zwischen den beiden größten Klimasündern symbolisierte die Differenzen zwischen den reichen Industrienationen und den Entwicklungsländern, wer mehr für den Kampf gegen die Erderwärmung sollte Von dpa-Mitarbeiter Andreas Landwehr

Tianjin. Am Ende warfen sich die USA und China nur noch gegenseitig Untätigkeit vor. Der offene Streit zwischen den beiden größten Klimasündern symbolisierte die Differenzen zwischen den reichen Industrienationen und den Entwicklungsländern, wer mehr für den Kampf gegen die Erderwärmung sollte. Jeder fordert vom jeweils anderen, voranzugehen und Verantwortung wahrzunehmen, und weigert sich solange, selbst etwas zu tun. "Es war zeitweise wie im Kindergarten", sagte Wendel Trio, Klimadirektor von Greenpeace. Auch ein Jahr nach dem Scheitern des Weltklimagipfels in Kopenhagen kommen die UN-Klimaverhandlungen nicht über gegenseitige Schuldzuweisungen hinweg. Ein "ausgewogenes Paket" war das Ziel der letzten Vorbereitungsrunde für den nächsten Klimagipfel Ende November in Mexiko. Doch nach den sechstägigen Verhandlungen war in der weißen Halle des modernen Konferenzzentrums der chinesischen Stadt Tianjin nur noch das Wort "Enttäuschung" zu hören. Zwar habe niemand an ein "Wunder von Tianjin" geglaubt, aber jetzt sei sogar ein Rückfall zu befürchten, warnte Martin Khor von South Centre, einer Organisation der Entwicklungsländer. Im Tauziehen um die neue Phase für eine Verringerung der Treibhausgase nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls 2012 gab es keine Fortschritte. Die Entwicklungsländer fordern einen Abbau der Emissionen durch die Industriestaaten um 40 bis 50 Prozent bis 2020 gegenüber 1990. Solch drastische Schritte seien wegen neuerer Erkenntnisse über die schneller voranschreitende Erderwärmung nötig, wird argumentiert. Die freiwilligen Zusagen von Kopenhagen reduzieren die Emissionen aber nur um 13 bis 18 Prozent, je nach Berechnung. Mehrere "Schlupflöcher" könnten den Rückgang auf nur noch vier Prozent verkleinern oder gar zu einem Anstieg führen, warnen Klimaschützer. Chris Henschel von der kanadischen "Parks and Wilderness Society" spricht von "selbstmörderischen" und "verrückten" Ansätzen. Die Staaten tricksten mit der Berechnung ihrer Treibhausgase, der Anrechnung von Holzschlag in Wäldern, arbeiteten mit "versteckten Emissionen" und fielen damit noch hinter ihre früheren Zusagen zurück. Kritiker warnen schon vor einem "Ende des Klimaschutzmechanismus" insgesamt, wenn das Kyoto-Protokoll ausläuft. Den Verhandlungen fehlt der politische Wille. Das Misstrauen unter den Teilnehmern konnte auch in Tianjin nicht überwunden werden. "Wir verlieren Zuversicht und Vertrauen", sagte Chinas Klimapolitiker Huang Huikang stellvertretend für die Entwicklungsländer. In Mexiko wird längst kein Weltklimavertrag mehr angestrebt - so ein Abkommen wird nur vage für die unbestimmte Zukunft avisiert. Nur Optimisten erwähnen den nächsten Gipfel 2011 in Südafrika.Klimaschützer sehen in dem Streit der USA mit China auch ein "Scheingefecht", mit dem Washington von hausgemachten Problemen ablenken will. Dass der US-Kongress das Klimapaket von Präsident Barack Obama gestoppt hat, führen sie auf die Lobbyarbeit und den Einfluss großer amerikanischer Konzerne im Kongress zurück. "Hier liegt das eigentliche Hindernis", sagte Cindy Baxter von Greenpeace. US-Unterhändler Jonathan Pershing musste sich in Tianjin auch immer wieder die Frage anhören, ob die USA überhaupt noch einer globalen Klimapolitik verpflichtet seien. Oder wie sie ihre zugesagte 17-prozentige Verringerung der Treibhausgase zwischen 2005 und 2020 erreichen wollen. Aber selbst wenn das gelänge, würde die größte Volkswirtschaft damit nur drei bis vier Prozent unter den Stand von 1990 zurückgehen, was für den Klimaschutz viel zu wenig wäre. Die Europäische Union hat sich längst gesetzlich zu einer 20-prozentigen Verringerung verpflichtet und denkt sogar weiter an 30 Prozent.