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Analyse
Nelson Mandelas instabiles Vermächtnis

Heute hätte der 2013 verstorbene Nelson Mandela seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Heute hätte der 2013 verstorbene Nelson Mandela seinen 100. Geburtstag gefeiert. FOTO: dpa / Kim Ludbrook
JOHANNESBURG (dpa) Nelson Mandela wird in Südafrika als Vater der Nation verehrt. Jahrzehnte seines Lebens hat er dem Kampf gegen das rassistische Apartheidregime gewidmet, dann predigte er Versöhnung mit den Weißen und baute das Land als erster demokratisch gewählter Präsident aus den Ruinen der Rassendiskriminierung wieder auf.

Doch trotz der historischen Verdienste des Friedensnobelpreisträgers, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, herrscht inzwischen vor allem bei der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in Südafrika große Ernüchterung.

Vor dem Gesetz sind jetzt alle Menschen gleich – doch was Wohlstand und Bildungschancen angeht, ist die weiße Minderheit nach wie vor viel besser gestellt. Trotz einer Reduzierung der Armut hat sich daran auch unter dem 2013 gestorbenen Mandela und seinen Erben von der Regierungspartei ANC wenig geändert.

Diese Realität spiegelt sich auch in den Straßen der Wirtschaftsmetropole Johannesburg, in der die Villen der Reichen und die Wellblechhütten der Ärmsten oft nur Kilometer voneinander entfernt sind. Im südwestlichen Township Soweto etwa, jenem Armenviertel, in dem einst auch Mandela wohnte, leben bis heute viele Familien in Hütten von der Größe eines deutschen Kinderzimmers. Auf vielen Straßen flitzen Ratten zwischen Müllhaufen, Kinder spielen im Dreck.



In einer Rede zu Ehren Mandelas sagte der frühere US-Präsident Barack Obama gestern, der Kampf gegen Ungleichheit und Diskriminierung müsse stets weitergeführt werden. Mandela habe Millionen Menschen inspiriert. Obama befand, es sei traurig, dass er 100 Jahre nach Mandelas Geburtstag immer noch betonen müsse, dass alle Menschen gleich seien. „Schwarze, Weiße, Asiaten, Lateinamerikaner, Frauen und Männer, Schwule und Heterosexuelle – wir sind alle Menschen; was uns unterscheidet, ist oberflächlich.“ Wenn Menschen lernen könnten, einander zu hassen, dann könne man ihnen auch beibringen, einander zu lieben. „Ich glaube an Nelson Mandelas Vision“, sagte Obama.

Südafrika ist der am meisten entwickelte Staat des Kontinents. Die Regierung hat zum Beispiel Millionen Häuser für arme Familien gebaut und Sozialleistungen eingeführt, zudem haben fast alle Südafrikaner nun Zugang zu elektrischem Strom. Doch das Bildungssystem ist desolat und die Arbeitslosenquote liegt bei rund 27 Prozent.

Nelson Rolihlahla Mandela schloss sich bereits 1944 als Jurastudent dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) an, um für gleiche Rechte zu kämpfen. Der junge Anwalt stieg in der Partei rasch auf. Als der ANC 1960 verboten wurde, war Mandela einer der Gründer des Flügels für den bewaffneten Widerstand. 1964 entging er knapp der Todesstrafe und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Es folgten 27 Jahre Haft, die meisten davon auf der Gefangeneninsel Robben Island bei Kapstadt. Mandelas Inhaftierung wurde zum Symbol der Ungerechtigkeit des rassistischen Regimes. Doch erst Ende der 1980er-Jahre begann die Apartheid zu zerfallen.

Im September 1989 wurde der Reformer Frederik Willem de Klerk südafrikanischer Präsident. Er ließ Mandela frei und hob das ANC-Verbot auf. Die Parteien handelten eine neue Verfassung aus, 1993 bekamen de Klerk und Mandela den Friedensnobelpreis. 1994 wurde Mandela Südafrikas erster demokratisch gewählter Präsident. In seiner Amtszeit bis 1999 setzte er auf eine Versöhnung. Dieses Vermächtnis scheint heute zunehmend in Gefahr. Der ANC fordert inzwischen, die weißen Landeigentümer notfalls auch ohne Entschädigung zu enteignen.