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Nato und Russland
Militärische Muskelspiele an Norwegens Küste

Trondheim. (PM/dpa) Die Bilder haben etwas Beschauliches. Schiffe bewegen sich auf dem Meer gemächlich auf die Küste zu. Bei Sonnenschein und blauer See. Auf herbstlich roten Hängen kraxeln Soldaten herum. Von Klaus Donath

So präsentiert sich das größte Nato-Unternehmen seit Ende des Kalten Krieges. Rund 50 000 Soldaten aus den Nato-Staaten – unterstützt von 10 000 Panzern, 250 Flugzeugen und 65 Schiffen – trainieren für den Bündnisfall, also den Beistand für ein angegriffenes Nato-Mitglied. Geladen sind auch Beobachter des fiktiven Gegners. Russische Experten verfolgen das – man möchte sagen – operettenhafte Geschehen aus der Nähe.

Die Gegnerschaft wird dadurch untermauert, dass russische Raketen in abgesprochenen Planquadraten vor der Küste Trondheims explodieren. Die Tests der russischen Marine begannen am Donnerstag vor der norwegischen Westküste. Sonst ist das Terrain Kreuzfahrtschiffen vorbehalten.

Moskaus Beobachter sollen sich überzeugen, dass die Nato-Streitmacht, die Russland durch den seinen Einfall auf der Krim und im Donbas aus dem Schlaf holte, der Verteidigungsaufgabe gewachsen ist. Je näher an Russland gelegen, desto größere Ängste hegen die Staaten in Zentral- und Nordeuropa. Russlands Querfeuer im Nato-Operationsgebiet gehört unterdessen zur Inszenierung für heimisches Publikum in Russland.



Ungemütlich wird es erst, wenn dahinter die nukleare Dimension ins Auge gerät. Russland sei auch in diesem Bereich überlegen, behauptete der Kremlchef kürzlich. Käme es tatsächlich zum Schlagabtausch, würde die Russen das Paradies erwarten, der „Aggressor“ hingegen müsse verrecken. Ernst, Ironie oder Hinweis auf ein neues offenes Wettrüsten?

Die Ankündigung Donald Trumps, sich aus dem sogenannten INF-Vertrag zurückzuziehen, verursacht in Moskau kaum Aufregung, im Gegenteil. Die Vereinbarung aus dem Jahr 1987 zwischen den Vereinigten Staaten und der damaligen Sowjetunion verbietet beiden Parteien den Bau und den Besitz landgestützter, atomar bewaffneter Marschflugkörper und Raketen mit einer Reichweite von 500 bis 5500 Kilometern. Der Kreml freut sich nun, dass lästige Begrenzungen bei Mittelstreckenraketen entfallen sollen – und schiebt das Scheitern des Vertrages den USA in die Schuhe.

Seit Jahren schon monieren USA und Nato-Staaten mangelnde Transparenz Russlands beim Bau des Marschflugkörpers 9M729. Zunächst wurde dessen Existenz ganz geleugnet. Stattdessen nahm Moskau das US-Raketenabwehrsystem in Rumänien und Polen als Vertragsverletzung aufs Korn. Bisher reagierte der Moskauer Kreml nicht auf Nachfragen des Westens. Vielleicht hätte dies einen Interimsstatus des INF-Vertrages noch möglich machen können. 

Vermutlich wird Trump die Kündigung aufrechterhalten, selbst wenn Moskau noch ein Einsehen haben sollte. Ein Geschenk des US-Präsidenten an Russland. Denn ohne Vertrag wird es noch schwieriger, auf Moskau Druck auszuüben. Und Europa ist nicht in der Lage, selbst etwas auszurichten. Sollte es womöglich zu einem neuen nuklearen Wettrüsten in Europa führen? Vor dem Hintergrund, dass die Rüstungskontrolle rapide an Bedeutung verliert?

Das Nato-Bündnis dürfte kaum fähig sein, eine gemeinsame militärische Antwort auf Russland zu finden. Ein zerstrittenes Europa – vorneweg Rüstungslieferant Deutschland – wird sich wie in den 1970er Jahren in der Nachrüstungsdebatte zerfleischen. Russland hegt großes Interesse daran, Europa auseinanderzudividieren und die Bindung an die USA zu kappen. Dafür muss es kaum etwas tun, der Westen erledigt das schon allein.