| 20:37 Uhr

Leitartikel
Trump hat Hass gesät und Hass geerntet

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Nun sind es also wieder einmal die bösen Medien. Sie sollen, so die Interpretation von US-Präsident Donald Trump gestern auf Twitter, die Mitschuld an den Massakern von El Paso und Dayton tragen, die am Wochenende die USA so heftig erschütterten. Von Friedemann Diederichs

Trumps Analyse zu diesem Thema ist so atemberaubend kühn wie falsch – und von besonderer Perfidie geprägt: „Fake News“ hätte zur jahrelang aufgebauten Wut und zum Zorn mancher Menschen beigetragen. Nun müsse, so Trump, endlich fair und ausgewogen berichtet werden.

Natürlich ist es für den Präsidenten schwer erträglich, eineinhalb Jahren vor den Wahlen mit diesen neuen Fällen von inländischem Terrorismus konfrontiert zu werden. Doch Trump erinnert gleichzeitig an einen Brandstifter, der sich darüber beschwert, dass die Feuerwehr niemals rechtzeitig am Ort des Geschehens ist. Er und niemand anders ist es gewesen, der Migranten wiederholt mit dem verächtlichen Etikett „Invasoren“ abgestempelt hat. Er war es, der auf einer Veranstaltung in Florida im Frühjahr widerspruchslos und mit einem Grinsen hingenommen hat, dass ein Unterstützer vorschlug: Man könne doch auf Illegale, die einen Grenzübertritt versuchen würden, schießen. Trump hat Volksvertreter ins Visier genommen, die von Migranten abstammen – und sie zur Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren aufgefordert. Und er hat nach rechtsextremen Vorfällen im Bundesstaat Virginia, die mit dem Tod einer Gegen-Demonstrantin endeten, konstatiert: Es gebe doch auch jede Menge feine Leute unter den weißen Nationalisten.

Diese Fakten sind keine „Fake News“. Es sind real existierende Wahrheiten, von den nationalen und internationalen Medien pflichtgemäß und unverfälscht berichtet. Diese Wahrheiten werden nun von einem Präsidenten bewusst ausgeblendet, der immer noch nicht begriffen hat, dass seine Aussagen auch dramatische Konsequenzen haben können. Der 21-Jährige, der in El Paso 20 Menschen beim Einkaufsbummel tötete, wollte – das gestand er den Ermittlern – so viele Mexikaner wie möglich ermorden. Der Grund: Er teilte mit Trump das Verständnis einer ungebremsten „Invasion“. Der Mörder zeigt im Polizeiverhör Berichten zufolge bisher keine Reue und kein Bedauern –  was im übrigen auch für Trumps verbale Kriegsführung gegen Migranten gilt, wo man Spuren von Selbstreflexion vergeblich sucht. Und was man ebenfalls vermisst, ist eine starke Reaktion der Präsidenten-Partei: Die Republikaner haben bisher die Aussagen Trumps mit überwältigendem Schweigen hingenommen. Dabei sind die fremdenfeindliche Agitation des Mannes im Weißen Haus und die latente Waffendebatte im Land zwei paar Schuhe. Die Republikaner müssten noch nicht einmal ihre geliebte Waffenlobby im Stich lassen, wollten sie sich von Trumps Ausfällen distanzieren. Die Morde von El Paso haben überdeutlich gemacht, dass es Trump nicht gelingen wird, seiner politischen Mitverantwortung für das Blutbad zu entkommen. Er hat jede Menge Hass gesät und nun Hass geerntet – mit fürchterlichen Folgen.