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Analyse
Die Euphorie vieler Russen hat sich in Wut verwandelt

Moskau. Roman kann gar nicht mehr zählen, wie oft er dabei gewesen ist. Wie oft er „Russland ohne Putin“ gerufen hat, sich vorgestellt hat, wie es denn sein könnte, so ganz ohne den „ewigen Zar“, wie er am Rande einer Protestkundgebung im Moskauer Stadtzentrum sagt. Von Inna Hartwich

Genehmigt ist diese nicht, wieder einmal.

Roman, der 32-Jährige mit kahlgeschorenem Kopf und grauem T-Shirt, weiß, was das bedeuten könnte. In den vergangenen Wochen hatten russische Spezialpolizisten in voller Montur teils brutal auf die sich friedlich versammelnden Demonstranten eingeschlagen. „Politische Spaziergänge“ nennt die Moskauer Opposition ihre Protestzüge in den zentralen Straßen der Stadt. Allein an zwei Wochenenden hatte die Polizei knapp 2000 Protestierende festgenommen, eine Rekordzahl. „Natürlich habe ich Angst, im Gefangenentransporter zu landen, meinen kleinen Sohn plötzlich nicht mehr zu sehen“, sagt Roman. Er hat, wie so viele Demonstranten, auch Angst, seinen Nachnamen zu sagen, seinen Beruf zu nennen. „Heutzutage weiß man nie, was einem plötzlich vorgeworfen werden kann“, sagt er nur.

Seit zehn Jahren geht der Moskauer auf die Straße, überzeugt davon, wenigstens so seine in der russischen Verfassung verbrieften Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit wahrzunehmen. Es ist ein lauer Moskauer Samstag – und ein heißer russischer Polit-Sommer.



Seit die Zentrale Wahlkommission 56 oppositionelle Kandidaten nicht zur Teilnahme an der Wahl des Moskauer Stadtparlaments zugelassen hat, zeigt sich, wie viel Unmut sich in der Bevölkerung angesammelt hatte. Wie viel Wut, seit der sogenannte Krim-Effekt verpufft ist. 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim besetzte, taumelte das Land geradezu in Euphorie, weil es sich wieder groß und stark wähnte. Längst aber füttert die wirtschaftliche Stagnation die öffentliche Unzufriedenheit. Die Wahl der Moskauer Stadtduma, eines politisch eher unbedeutenden Instruments, ist für viele so zum Ventil geworden, den Druck loszuwerden, der angesichts empfundener Ohnmacht dem Staat gegenüber ansteigt. „Ich habe keine Angst, meine Meinung zu sagen. Die Putinsche Stabilität entstammt einem verlogenen System. Ich will endlich die Gewissheit haben, dass auch ich als Einzelner etwas ändern kann, will erreichen, dass mein Sohn in einem wirklich freien Land aufwächst, nicht in der politischen Fassade, in der wir hier leben“, sagt Roman.

An diesem Sonntag werden in 16 Regionen Russlands die Gouverneure direkt gewählt, in drei Regionen bestimmen die örtlichen Parlamente über die Regionalchefs, in weiteren Regionen stimmen die Menschen über Stadträte ab. Da die Beliebtheit der Regierungspartei „Einiges Russland“ stetig abnimmt, treten viele Vertreter der Partei als quasi Unabhängige an. In Moskau kandidiert gar niemand für „Einiges Russland“. Die Schmach für die Kreml-Partei dürfte sich bei dieser Wahl besonders zeigen. Das Team um den einstigen Anti-Korruptionsblogger Alexej Nawalny, die Galionsfigur der russischen Opposition hat zu einer „klugen Wahl“ aufgerufen. Die Menschen sollen für alle möglichen Kandidaten stimmen, nur nicht für solche, die „Einiges Russland“ in welcher Hinsicht auch immer nahestehen.

Die Zivilgesellschaft im Land hat gelernt, sich zu vernetzen und Informationen zu teilen. Politik ist für viele kein giftiges Wort mehr. Sie wollen zeigen, dass sie etwas bewegen können. Wollen den Sprung aus der  sowjetischen Kollektivität in die Individualität wagen und begreifen sich als politische Subjekte. Die Drohkulisse des Staates aber ist intakt. Die politischen Spaziergänge der Unzufriedenen ziehen sich stets am Moskauer Boulevard-Ring entlang, finden buchstäblich im Kreis statt. Auch im politischen Sinne.