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Kleinstaaterei auf Europas Autobahnen

München. Was war das für ein schönes neues Reisegefühl, als überall in Europa die Grenzkontrollen verschwanden und man mit einer gemeinsamen Währung von Helsinki bis Lissabon reisen konnte. Vorbei. Den Euro gibt es immerhin noch, die Kontrollen allerdings auch wieder. Vor allem aber werden für Autoreisende überall in der EU neue Hindernisse in Gestalt eines Maut-Dschungels erdacht. Und es dürfte in den nächsten Jahren noch schlimmer kommen, warnte gestern der ADAC . Ralf Müller

Was war das für ein schönes neues Reisegefühl, als überall in Europa die Grenzkontrollen verschwanden und man mit einer gemeinsamen Währung von Helsinki bis Lissabon reisen konnte. Vorbei. Den Euro gibt es immerhin noch, die Kontrollen allerdings auch wieder. Vor allem aber werden für Autoreisende überall in der EU neue Hindernisse in Gestalt eines Maut-Dschungels erdacht. Und es dürfte in den nächsten Jahren noch schlimmer kommen, warnte gestern der ADAC .

Vignetten mit unterschiedlichen Laufzeiten und Geltungsbereichen, manuelle und elektronische Maut-Systeme für bestimmte Strecken verwirren Urlauber , die im eigenen Auto über Ländergrenzen reisen. Zusätzlich kompliziert wird die Sache, wenn man mit Wohnmobil oder Anhänger reist: Während sie etwa in Österreich bei der Vignettenpflicht unberücksichtigt bleiben, kommt es in Italien auf die Achsenzahl und in Frankreich auf die Höhe des Trailers an.

Maut-Überraschungen erleben Urlauber vor allem in Italien: Dort sorgen unterschiedliche Autobahnbetreiber für mannigfache Abkassier-Modelle. Dazu kommen Störungen der Einzugs-Systeme, warnt ADAC-Jurist Stefan Königer. Wöchentlich landen beim Autoclub bis zu 100 Anfragen wegen Mautproblemen in Italien. In Frankreich, Spanien und Kroatien muss teilweise ein Transponder zur elektronischen Abbuchung gemietet oder gekauft werden. Portugals Autobahnen kann man nur mit einem solchen Gerät benutzen.



Die elektronische Abbuchung ist nach Ansicht von ADAC-Experten europaweit im Kommen, weil die Betreiber dadurch erhebliche Kosten sparen. Für den Reisenden aber könnte das höchst umständlich werden. Sein Datenschutz bleibt überdies auf der Strecke. Einen Vorgeschmack liefern jetzt schon die italienische Autobahn A36 nördlich von Mailand und der Schnellstraßen-Themseübergang "Dartfort Crossing" bei London: Hier muss sich der Reisende vorher überlegen, ob er die Straßenbauwerke benutzen will, sich per Internet anmelden und einen Betrag - im Fall Dartfort saftige zehn Pfund - auf sein "Konto" laden. Das erinnert an längst vergessene Fahrten in die ehemalige DDR, wo die Reiseroute vorher genau festgelegt werden musste.

Solchen Auswüchsen sollte man rechtzeitig einen Riegel vorschieben und die Weichen grundsätzlich anders stellen. In der Harmonisierung der Maut-Systeme hätten Europas Institutionen eine ureigenste Aufgabe. Doch nicht nur Brüssel, sondern vor allem die Verkehrsminister der Mitgliedstaaten haben es schleifen lassen. Jeder kochte sein eigenes Süppchen, jetzt ist der Brei ziemlich schwer verdaulich.

Zwar könnten die europäischen Auto-Urlauber die herrschende Kleinstaaterei und Wegelagerei austrocknen. Sie müssten nur bei jeder zumutbaren Gelegenheit die Bahn, den Fernbus oder auch das Flugzeug nutzen. Oder sogar öfter mal im eigenen Land Ferien machen. Ginge die Zahl der Auto-Urlauber auch nur um zehn Prozent zurück, wäre die Aufregung schon riesig. Der Verbraucher hat Macht - wenn er nur will. Doch meistens will er nicht. Und gerade die Bundesbürger nehmen eine Menge Schikanen in Kauf, ehe sie sich ausgerechnet in ihrem heiligen Urlaub vom eigenen fahrbaren Untersatz trennen. Weshalb eine Abstimmung mit den Rädern ein frommer Wunsch bleiben dürfte.