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Katholiken streiten wieder über Schwangeren-Beratung

Regensburg. Es war eine der schwersten Krisen der katholischen Kirche in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Auf Anordnung des Papstes mussten die Bischöfe aus dem staatlichen System der Schwangeren-Konfliktberatung aussteigen. 15 Jahre sind seither vergangen – und plötzlich ist das Thema wieder auf der Tagesordnung. Dpa-Mitarbeiterbernward Loheide

Der Katholikentag in Regensburg widmet ihm heute ein großes Podium, erstmals seit langem. Denn der Wind aus Rom hat sich gedreht. Kommt jetzt der Ausstieg aus dem Ausstieg?

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, lehnt dies zwar entschieden ab. Dennoch fordert er - wie viele Gläubige - einen neuen Kurs im Umgang mit dem Verein "Donum Vitae". Dieser war von engagierten Katholiken gegründet worden, um die entstandene Beratungslücke zu schließen. "Donum Vitae" berät schwangere Frauen in Konflikten, die auch über eine Abtreibung nachdenken. In vielen Bistümern dürfen Mitarbeiter des Vereins keine leitenden Ämter etwa in Pfarrgemeinde- oder Diözesanräten übernehmen. "Wir sind die ausgeschlossenen Kinder der Kirche", sagt die Sozialpädagogin Maria Geiss-Wittmann von "Donum Vitae" in Amberg.

Sogar die Erlaubnis für einen Stand auf dem Katholikentag verweigerte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer zunächst. Er liegt auf der Linie seines Vorgängers Gerhard Ludwig Müller und des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI, der als Präfekt der Glaubenskongregation Ende der 90er Jahre die Oberhirten in Deutschland zum Ausstieg gedrängt hatte. Denn am Ende der Beratung erhält die Schwangere eine Bescheinigung, mit der sie ihr ungeborenes Kind straffrei abtreiben kann. Daran will sich die Kirche nicht beteiligen, auch indirekt nicht.

Der neue Papst Franziskus ließ seinerseits nie einen Zweifel daran, dass auch er kompromisslos gegen Abtreibung ist. Doch sein Kirchenbild ist anders, wie er in seinem ersten Apostolischen Lehrschreiben deutlich machte. Ihm sei eine "verbeulte" Kirche, die "verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die wegen ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit krank ist", schrieb Franziskus. Nicht die Reinheit der Kirche stehe an erster Stelle, sondern ihr Engagement mitten in der Welt, an der Seite der "Armen" - also auch der Schwangeren in Not.

Der Landesgeschäftsführer von "Donum Vitae" in Bayern, Konrad Schwarzfischer, hofft deshalb auf eine Versöhnung mit der Kirche. Der Verein spreche schließlich Frauen an, die die Kirche sonst nicht erreichen würde, meint er. Tausende Leben würden dadurch gerettet, dass sich Frauen nach der Beratung für ihr Kind entschieden.

Der Stand von "Donum Vitae" auf der Katholikentagsmeile wurde nach längeren Verhandlungen übrigens doch noch zugelassen. Ob sich die neue, moderatere Linie durchsetzen wird, ist unklar. Denn aus Rom kommen derzeit widersprüchliche Signale. Präfekt der Glaubenskongregation ist seit zwei Jahren Kardinal Müller. Er liegt auf der Linie des früheren Papstes Benedikt - und bekommt weitere Verstärkung aus Regensburg. Denn auch Voderholzer gehört künftig der vatikanischen Glaubenskongregation an, wie am Mittwoch überraschend bekannt wurde. Formiert sich dort ein Bollwerk gegen das neue Kirchenbild?