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Jusoc-Chef Kevin Kühnert
Ein Fußball-Freund als größter Groko-Feind

Kevin Kühnert Ende Oktober im Berliner Willy-Brandt-Haus.
Kevin Kühnert Ende Oktober im Berliner Willy-Brandt-Haus. FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Berlin. Kevin Kühnert hat ein unglaubliches Jahr hinter sich. Wohl kein Juso-Chef vor ihm hat so viele Schlagzeilen gemacht im ersten Amtsjahr – und die Regierung so getrieben. Als dann auch noch Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen „linksradikale Kräfte“ in der SPD für seine Ablösung verantwortlich machte, meinte Kühnert bei Twitter: „Ich wäre da ja bescheidener gewesen, aber offenkundig kommt Herr Maaßen zu der Einschätzung, dass er vornehmlich von den Jusos aus dem Amt gedrängt wird. dpa

Okay. Schreiben wir uns so in den Briefkopf. Grüße vom linksradikalen Flügel der SPD.“

Politik mit Witz und Augenzwinkern, auch dafür steht Kühnert. Am 24. November 2017 wurde der Berliner beim Juso-Bundeskongress in Saarbrücken zum Nachfolger von Johanna Uekermann gewählt, mit einer Zustimmung von 75 Prozent. Da war die SPD noch von großer Oppositionssehnsucht beseelt, dann scheiterten die Jamaika-Verhandlungen und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nahm die SPD-Führung in die Pflicht. Beim Bundesparteitag im Dezember 2017 wurde Kühnert zum Gegenspieler der Granden: „Eine Maxime, die lautet, regieren mit uns ist immer besser als ohne uns, die verzwergt die SPD.“ Und dann rief er in den Saal: „Wir haben ein Interesse daran, dass hier noch was übrig bleibt von diesem Laden, verdammt noch mal.“ Inzwischen ist die SPD im freien Fall.

Zum Amtsjubiläum spricht der 29-Jährige von einem Jahr mit Licht und Schatten. „Licht, weil wir mit rund 80 000 Mitgliedern so viele Jusos wie seit langer Zeit nicht mehr haben und weil wir eine gewisse politische Relevanz erreicht haben.“ Andererseits brauche man sich auch nichts vormachen. „Es kann uns nicht unberührt lassen, wie die Partei gerade dasteht. Daher ist die Freude doch sehr getrübt.“



Oft musste Kühnert die Geschichte erzählen, dass sein Vorname eine Hommage an den Fußballer Kevin Keegan ist – sein Herz schlägt für Tennis Borussia Berlin. Er hat jetzt weniger Zeit für das „Groundhopping“, das Abklappern von Spielen in ganz Europa. Sein Twitter-Profil ziert das Stadion des unterklassigen Clubs Almada AC aus Portugal. „Fußballgucken ist das letzte Hobby, das mir die Arbeit gelassen hat“, sagte er dem Magazin „11 Freunde“. Hunderte Interviews hat er gegeben, auch gesagt, dass er schwul ist.

Er ist jetzt quasi eine öffentliche Person. „Das große Privileg ist, unglaublich viel unterwegs zu sein und zu erfahren.“ Er hat mehr als 200 öffentliche Veranstaltungen gemacht. „Ich kann mir viel anlesen, aber ich arbeite viel lieber in der politischen Praxis“, sagt er. Dass auch Parteichefin Andrea Nahles jetzt offen über eine Alternative zu Hartz IV diskutiert, nennt er einen „Befreiungsschlag“. Die sozialen Medien nutzt er stark, sie sind aber auch ein enthemmter Raum, auch er wird im Netz oft bepöbelt. Im persönlichen Umgang, von Gesicht zu Gesicht, sei er im ganzen Jahr nur zwei Mal angepöbelt worden.

Wie lang die große Koalition noch hält, darüber mag er nicht weiter spekulieren. Aber wenn alles zerbricht und auch Nahles fällt, dann könnte Kühnert ein Kandidat für ganz vorne werden. Doch intern halten das erfahrene Genossen für eine Nummer zu groß – und Kühnert selbst bügelt das ohnehin ab. Dennoch: Verjüngung und Erneuerung – da sind die Jusos zum Treiber geworden. Und Nahles weiß: Ihre Position ist bedrohlich schwach. Senkt die Parteilinke kollektiv den Daumen, könnten 2019 alle Dämme brechen. „Wir haben ein Jahr mit einer Europawahl, vier Landtagswahlen und neun Kommunalwahlen, das birgt immer politischen Sprengstoff“, sagt Kühnert. „Insofern müssen wir auf alles vorbereitet sein.“