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Jung, dynamisch, ausgebeutet

Brüssel. Praktika sollen jungen Menschen den Start in den Beruf erleichtern. Doch viele Arbeitgeber nutzen Praktikanten als billige Arbeitskräfte aus. Dem will die EU nun einen Riegel vorschieben. Von Merkur-KorrespondentDetlef Drewes

Sechs Monate hat EU-Sozialkommissar László Andor gebraucht, um sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Keine Ausbeutung von Praktikanten mehr - so lautete seine zentrale Forderung am gestrigen Mittwoch, als er EU-weite Standards vorschlug. Vor einem halben Jahr stand der Kommissar selbst noch am Pranger. Da hatten nämlich ausgerechnet die Praktikanten der EU-Institutionen Alarm geschlagen. "Wann hattest du das letzte Mal etwas anderes als ein Sandwich zu Mittag?" lautete ihr Motto, mit dem sie gegen miserable Bezahlung, nicht vorhandene Betreuung und noch schlechtere Anschlussperspektiven im Beruf protestierten. Das ist längst kein Einzelfall mehr. In Internetforen beschweren sich junge Menschen über "demütigende Behandlungen" und nicht existierende Begleitung. Ein Praktikant müsse den nächsten einarbeiten. Einige wurden am Arbeitsplatz als "minderbemittelt" beschimpft. Ein anderer beklagte sich, dass er während seines Praktikums tagelang private CDs von Kollegen kopieren musste. "Es kann nicht hingenommen werden, dass manche Praktikantinnen und Praktikanten derzeit als unbezahlte und billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden", sagte der Kommissar gestern. Mit ihren Leitlinien will die EU-Verwaltung die Mitgliedstaaten dazu anhalten, Regelungen zu erlassen, die für mehr Klarheit und Verlässlichkeit stehen.

So sollen Praktika auf sechs Monate begrenzt sein. Am Anfang müsse eine schriftliche Vereinbarung zu Lernzielen, Betreuung, Arbeitszeit und eventueller Bezahlung stehen. Schon aus der Ausschreibung soll unmissverständlich hervorgehen, ob es sich um eine bezahlte oder unbezahlte Tätigkeit handelt. Ausnahmen wird es nach den Vorstellungen der Kommission lediglich für Tätigkeiten geben, die Bestandteil des Studiums oder der Berufsausbildung sind. Aber wer in der privaten Wirtschaft, bei Behörden oder staatlichen Organisationen arbeitet, darf künftig auf deutlich bessere Absicherung hoffen. Andor: "Ein Praktikum muss qualitativ hochwertige Arbeitserfahrungen zu fairen Bedingungen sichern und somit die Chancen auf einen Arbeitsplatz steigern." Allein in Deutschland absolvieren derzeit pro Jahr rund 1,9 Millionen junge Leute eine befristete Tätigkeit im Rahmen eines Praktikums.

Es sollen noch mehr werden - in allen 28 Mitgliedstaaten. Denn die Staats- und Regierungschefs haben eine Jugendgarantie abgegeben, die allen jungen Menschen unter 25 Jahren spätestens vier Monate nach Schulabschluss oder Beginn der Arbeitslosigkeit einen "hochwertigen Job bzw. Praktikum" garantiert. In Brüssel spricht man von einer "der wichtigsten und drängendsten Strukturreformen, die die Mitgliedstaaten zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit einführen wollen". Unterstützung von Seiten der Wirtschaftsverbände und Handwerkskammern gibt es inzwischen. Auch die Bundesregierung arbeitet an einem Standard, der für die innerdeutschen Praktika gelten würde. Mit der europäischen Vorschrift könnten Studenten sicher sein, auch außerhalb der eigenen Grenzen auf geregelte Praktikumsstellen zu treffen. Doch noch ist es nicht so weit. Der Vorschlag von Sozialkommissar Andor muss zunächst von den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt werden. Bis er in Kraft tritt, könne es 2015 werden, hieß es gestern in Brüssel.