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Ist Clinton zu weit gegangen?

New York. US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen: Beschimpfe niemals die Wähler des politischen Gegners. Und das in einer Zeit, in der Umfragen Donald Trump ohnehin vorne sehen. Friedemann Diederichs

Sind es zwei Sätze, die Hillary Clinton den Einzug ins Weiße Haus kosten? Bei einem Auftritt am Freitagabend in New York vor Mitgliedern von Organisationen, die sich für die Rechte von Homo- und Transsexuellen einsetzen, machte die Demokratin aus ihrem Herzen keine Mördergrube. "Um es grob zu verallgemeinern, die Hälfe von Trumps Anhängern könnte man in etwas stecken, was ich Korb der Bedauernswerten nenne," so die Kandidatin. Und: "Das sind Rassisten, Sexisten, Homophobe, Ausländerfeinde oder Islamfeinde, aber zum Glück sind sie nicht Amerika".

Die Reaktionen auf diese Aussagen waren massiv - nicht nur innerhalb der Trump-Kampagne, sondern auch in den US-Medien. Denn Clinton hatte mit ihren Worten ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen: Beschimpfe niemals die Wähler des politischen Gegners.

Donald Trump reagierte deshalb auch postwendend: Clinton habe Millionen Menschen beleidigt. Und Analysten im Sender CNN wiesen darauf hin, wie heikel die Formulierungen für eine Kandidatin sei, die stets den Slogan "Stark durch Einheit" propagiere und Präsidentin aller Amerikaner sein wolle.



Am Samstag versuchte sich dann Clinton in Schadensbegrenzung - in typisch halbherziger Clintonscher Manier: Sie bedauere, "grob verallgemeinernd" von der "Hälfte" der Anhänger gesprochen zu haben. Das sei falsch gewesen. Damit ließ die Bewerberin natürlich offen, wie viele der Trump-Unterstützer sie gemeint hatte. Gleichzeitig versuchte Clinton von ihrem Faux Pas mit einer neuen Attacke gegen den Republikaner abzulenken: Es sei bedauernswert, dass Trump seinen Wahlkampf vor allem auf Vorurteilen und Paranoia aufgebaut habe. Trump wiederum verglich Clintons Aussagen mit einem Ausrutscher, den sich der Republikaner Mitt Romney im Wahlkampf 2012 geleistet hatte. Dieser hatte von 47 Prozent der Bürger gesprochen, die ohnehin für seinen Gegner Barack Obama stimmen würden, weil sie vom Staat abhängig seien und sich als "Opfer" sehen würden - ein deutlicher Seitenhieb auf die Mehrheit der afro-amerikanischen Wähler . Romney hatte nach dieser Feststellung in den Umfragen eingebüßt. Die Aufregung um Clintons Wähler-Herabwürdigung kommt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo Wahlforscher einen Zugewinn Trumps in den meisten Umfragen feststellen - und gleichzeitig keine große Begeisterung bei der Demokraten-Basis konstatieren, am 8. November abzustimmen.

Das liegt auch daran, dass offenbar ein Teil der Unterstützer des in den Vorwahlen extrem populären Bernie Sanders weiter keine Absicht hat, Hillary Clinton zu unterstützen. Hinzu kommt der Umstand, dass die Enthüllungsplattform Wikileaks demnächst neue Details aus dem ungesicherten Email-Verkehr der Ex-Außenministerin und wohl auch über die umstrittene Clinton-Familienstiftung veröffentlichen will. Diese waren laut US-Geheimdienstkreisen offensichtlich von russischen Hackern gesammelt worden.