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In der Stadt der beigen Hosen

Osterode. Die Stadt Osterode am Harz schrumpft. Die Stadt steht exemplarisch für die Landflucht der Jungen, zurück bleiben die Alten. Eine Stabsstelle Demografie soll das Problem angehen. dpa-MitarbeiterValentin Frimmer

Auf den ersten Blick wirkt alles recht normal an diesem sonnigen Tag in Osterode am Harz. Ein weißhaariger Rentner schlendert mit seiner blondierten Begleitung über den Kornmarkt. Im Café vor malerischen Fachwerkhäusern sitzen ältere Herrschaften. Auffallend viele von ihnen tragen beige Hosen und graue Hemden.

Doch etwas fehlt: Es sind kaum junge Menschen unterwegs - trotz Sommerferien. Die Jugend ist längst weggezogen und es fehlt an Nachwuchs. Und nirgendwo sonst in Deutschland kommen pro Todesfall so wenige Kinder auf die Welt wie hier. Die Geburten decken die Sterbefälle nur zu 36 Prozent. Das belegen Daten des Statistischen Bundesamts. Mögliche Gründe für die Diskrepanz: Im urbanen Raum ist es für Paare einfacher, Karriere und Kinder miteinander zu vereinbaren, in ländlichen Gebieten fehlt vielfach auch die Infrastruktur.

Schrumpfende und überalterte Kommunen sollten sich deshalb aus Sicht des Städte- und Gemeindebunds darum bemühen, ihre Bürger für Ehrenämter zu gewinnen, um aufreißende Lücken in der Infrastruktur stopfen zu können. So könnten Freiwillige etwa Bürgerbusse fahren, die den ausgedünnten Nahverkehr ergänzen, sagte der Beigeordnete Uwe Lübking.

Direkt am Kornmarkt in Osterode ist das "Storchennest". Seit nunmehr 29 Jahren verkauft Inhaberin Helga Tabbert hier "alles fürs Baby und Kind". "Nur noch alte Leute hier", klagt sie, während sie hinter ihrer Kasse steht. Die Stadt vor den Toren des Nationalparks Harz hatte nach Zahlen des Landkreises in den 1970er Jahren noch über 30 000 Einwohner, Ende 2013 waren es noch 22 317. Allein in den Jahren 2010 bis 2012 gingen insgesamt 484 Menschen mehr weg als zuzogen. "Der Trend ist im Moment Landflucht", sagt Bürgermeister Klaus Becker. Dabei suchen gerade die das Weite, die für Nachwuchs sorgen könnten.

Der Bevölkerungsrückgang hat Folgen. Den ländlichen Kommunen gehen dadurch wichtige Einnahmen verloren. "Irgendwann lohnen sich bestimmte Dienstleistungen nicht mehr", sagt Frank Swiaczny vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Schwimmbäder würden geschlossen, Bankfilialen machten dicht, der Nahverkehr werde ausgedünnt. Bürgermeister Becker will trotzdem positiv denken. "Sonst müsste ich aufgeben."

Allerdings weiß er auch, dass die demografische Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Nach einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung wird der Kreis Osterode in den kommenden 15 Jahren 15,6 Prozent seiner Einwohner verlieren. Becker sagt: "Wir sind Realisten und stellen uns darauf ein."