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Verlorene Nachwahl
Holpriger Start für den neuen Brexit-Premier

 Ruft er bald Neuwahlen aus? Boris Johnson, seit rund zehn Tagen britischer Premierminister.
Ruft er bald Neuwahlen aus? Boris Johnson, seit rund zehn Tagen britischer Premierminister. FOTO: dpa / Kirsty Wigglewsorth
London/Brüssel. Paradiesische Zustände hat Boris Johnson bei seinem Amtsantritt als britischer Premierminister seinen Landsleuten versprochen. Nur etwa eine Woche später hat er selbst wohl eher einen Vorgeschmack von der Hölle bekommen: Seine ohnehin knappe Mehrheit im Parlament in London ist auf eine einzige Stimme zusammengeschrumpft. Von Silvia Kusidlo und Ansgar Haase, dpa

Und auch auf seiner Antrittsreise in Schottland, Wales und Nordirland wurde er nicht mit offenen Armen empfangen. Wie will Johnson so den Brexit in etwa 90 Tagen umsetzen?

Im Unterhaus haben Johnsons Konservative jetzt nur noch 319 Sitze, die Opposition kommt auf 318. Denn bei einer Nachwahl im Wahlkreis Brecon und Radnorshire in Wales verlor der Tory-Kandidat Chris Davies – strahlende Siegerin ist Jane Dodds von den EU-freundlichen Liberaldemokraten. Selbstbewusst sagte die Sozialarbeiterin am Freitag nach ihrem Sieg, sie wolle als neue Abgeordnete in Westminster nun Johnson aufsuchen, „wo immer er sich versteckt“, und ihm ihre Meinung sagen: „Hör’ auf, mit der Zukunft unserer Kommunen zu spielen, und schließe einen ungeregelten Brexit jetzt aus!“

Als Johnson kurz zuvor auf Antrittsbesuch in Wales war, schlug ihm nicht die beste Stimmung entgegen: Denn die vielen Bauern dort fürchten um ihre EU-Fördergelder. Auch mit einem Besuch auf einer Hühnerfarm konnte der frühere Eton-Schüler nicht punkten.



Politikwissenschaftler warnten aber davor, das Ergebnis aus Wales als Nein zum Brexit zu interpretieren. Die Menschen dort hätten wahrscheinlich mehr mit Blick „auf ländliche und lokale Themen“ ihre Entscheidung getroffen, sagte Laura McAllister von der Universität Cardiff dem Sender BBC.

Das Ergebnis aus Wales ist nicht repräsentativ für das ganze Land, spiegelt aber einige Tendenzen: Die EU-freundlichen Liberaldemokraten sind im Aufwind, ebenso die neue Brexit-Partei von Nigel Farage, dagegen ist die Labour-Partei von Jeremy Corbyn angeschlagen.

Der neue Premier Johnson hatte angekündigt, Großbritannien zum 31. Oktober aus der Europäischen Union zu führen – „ohne wenn und aber“. Im Klartext: notfalls auch ohne Abkommen. Das würde aber vor allem die Wirtschaft hart treffen. Nur noch eine Stimme mehr im Parlament – damit dürfte es für Johnson noch schwieriger werden, seine Pläne durch das zerstrittene Parlament zu bringen. Auch ein Misstrauensvotum oder kurzfristig angesetzte Wahlen halten britische Medien nun für noch wahrscheinlicher.

Und wie sieht Brüssel das alles? Dort werden die Entwicklungen mit einer Mischung aus Sorge und Genugtuung beobachtet. Genugtuung, weil der Stimmenverlust im Parlament Johnsons Verhandlungsposition in Gesprächen mit der EU weiter schwächt. So dürfte es ihm in den kommenden Wochen noch schwerer fallen, glaubwürdig mit einem No Deal zu drohen, um seine Forderungen nach einer Neuverhandlung des Austrittsabkommens durchzusetzen.

Sorge gibt es allerdings, weil niemand weiß, wie es nun weitergeht. Diplomaten in Brüssel halten es für möglich, dass Johnson noch Anfang September Neuwahlen ankündigt, um sich für seinen harten Brexit-Kurs eine stabilere Mehrheit im Unterhaus zu beschaffen. Der Premier könnte dabei darauf setzen, dass sich die zersplitterte EU-freundliche Opposition nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen kann. Dies würde die Erfolgsaussichten der Tories erhöhen, da das britische Wahlsystem ein Direktmandat-System ist. Ins Unterhaus kommt nur, wer die höchste Stimmenzahl in seinem Wahlkreis erringt. Die auf andere Kandidaten abgegebenen Stimmen verfallen.