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Glosse
Schlafen und leben

Früher konnte man einfach leben, arbeiten und schlafen. Heute aber soll das in Balance geschehen – und bewusst! Zumindest propagiert ein Möbelhaus jetzt eine „Work-Life-Sleep-Balance“ und hat den Duden dazu aufgefordert, dieses Wort zu übernehmen.

Denn Schlaf müsse zum Arbeiten und Leben als dritte Säule hinzukommen. Das klingt nach gefürchteten Säulenmodellen, die kurz vor dem Zusammenbruch Strukturen vortäuschen sollen. Aber auch ungeachtet dessen erscheint die Balance zwischen Arbeit, Leben und Schlaf schwierig. Denn demnach ist Leben offenbar nur in dem oft winzigen Zeitfenster zwischen Arbeit und Schlaf möglich. Vielleicht wäre es also effizienter, bei der Arbeit zu schlafen oder im Schlaf auch mal zu leben – das Gegenteil ist der unerwünschte ewige Schlaf. Wer aber vor lauter Balancieren Probleme hat, Arbeit, Leben und Schlaf überhaupt noch zu unterscheiden, dem helfen vielleicht folgende Hinweise: Wenn ihm jemand gewaltig auf den Wecker geht, ist das nicht unbedingt ein Zeichen für gerade beendeten Schlaf. Er könnte theoretisch auch bei der Arbeit sein. Ist aber nicht zwangsläufig tot, wenn er dabei denkt: Das ist doch kein Leben.