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Berlin-Bashing
Hauptstadt des Nicht-Funktionierens?

Auf diese heute legendären Schilder nahm Boris Palmer Bezug bei seiner harschen Berlin-Kritik.
Auf diese heute legendären Schilder nahm Boris Palmer Bezug bei seiner harschen Berlin-Kritik. FOTO: dpa / Wolfgang Kumm
Berlin/Tübingen. Tübingen funktioniert. Seit Dienstag lockt in den Altstadtgässchen ein Schokoladenfestival, die Stadt ist beliebt bei Studenten, gilt als Vorreiter beim Klimaschutz, samstags fahren Busse kostenlos. dpa

Da kann Berlin nicht mithalten, meint Oberbürgermeister Boris Palmer. „Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: ,Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands’“, sagte der Grüne jetzt einer Zeitung. In der Hauptstadt klappe einfach überhaupt nichts. „Ich komme mit dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße als spießbürgerliche baden-württembergische Grünen-Pflanze schlicht nicht klar. Ich will diese Verhältnisse in Tübingen nicht.“

Mit „diesen Verhältnissen“ schlagen sich in Berlin 3,7 Millionen Bewohner herum. Jährlich kommen 40 000 hinzu, was der halben Stadt Tübingen entspricht. Dabei darf als gesichert gelten, dass die allermeisten freiwillig kommen, auch aus dem Schwäbischen. Die einzigartige Kulturlandschaft, die Clubszene, gute Jobs oder einfach ein besonderes Lebensgefühl gehören zu ihren Argumenten. Gleichzeitig ist das „Berlin-Bashing“, bei dem Palmer mitmacht, in Mode. Vielleicht auch ein bisschen zu Recht? Vielerorts in Deutschland schauen Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Kopfschütteln nach Berlin – auf die Stadt also, die sie mit ihrem Steuergeld über den Länderfinanzausgleich oder Bundesmittel mitfinanzieren. Denn aus der rot-rot-grün regierten Metropole hören sie allerlei Merkwürdigkeiten, die auch viele Berliner schwer nerven.

Einen Termin beim Bürgeramt zu bekommen, um einen neuen Ausweis zu beantragen, kann Wochen dauern. Bezahlbare Wohnungen sind knapp, Kita-Plätze oder Lehrer auch. Weil jahrzehntelang gespart wurde, sind Schulen marode. Clans treiben in manchen Stadtteilen ihr Unwesen, in Kreuzberg verticken Drogenhändler unbehelligt ihre Ware. Die FAZ befand vor einiger Zeit, die Politik in Berlin werde der Missstände nicht Herr. Es herrsche „organisierte Unzuständigkeit“. „Spiegel Online“ versteifte sich gar auf die These, Berlin sei das „Venezuela Deutschlands“. Und die „Neue Zürcher Zeitung“ verglich die Stadt mit einem Entwicklungsland „in Afrika“.



Nun zu behaupten, Berlin funktioniere gar nicht, wäre aber unfair. Irgendwie ruckelt sich in der Hauptstadt immer alles zurecht. Mal abgesehen vielleicht vom immer noch nicht fertigen Pannenflughafen BER. Der Senat hat viele Probleme erkannt und vom milliardenschweren Schulsanierungsprogramm über ein Mobilitätsgesetz, einer Aufstockung des Personals in Verwaltung und Polizei bis hin zum Wohnungsbau manches angestoßen.

Und überhaupt die Schwaben. Auf die ist man in Berlin ohnehin nicht gut zu sprechen. Im Prenzlauer Berg stammt gefühlt jedes zweite Helikopter-Elternpaar aus dem Südwesten. Was zu Problemen führt. Auf eines wies Wolfgang Thierse schon 2012 hin, als er sich beklagte, dass sein Bäcker um die Ecke Wecken anbietet statt Schrippen. „Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“, grummelte der SPD-Mann.

In den aktuellen „Schwaben-Fall“ schaltete sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ein. In der „Fast 4-Millionen-Stadt“ gebe es besondere Probleme. „Die sind nun in der dörflichen Struktur, in der Herr Palmer arbeitet, so nicht zu finden.“ Palmer, der gerne mal provoziert, ließ sich nicht beeindrucken und legte nach: „Berlin ist ein failing state.“