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Fleißarbeiterin in Krisenzeiten

Die neue britische Premierministerin Theresa May dürfte selbst äußerst überrascht sein über ihren Karrieresprung. Noch vor drei Wochen sah die Welt im Königreich ganz anders aus. Die meisten Briten gingen noch kurz vor dem Referendum davon aus, dass sie Mitglied in der EU bleiben würden. David Cameron war Premierminister und Schatzkanzler George Osborne galt als der designierte Kronprinz, der 2019 hätte übernehmen sollen. May fiel mehr durch Fleißarbeit und Krisenmanagement auf als durch Charisma und Visionen. Katrin Pribyl

Die neue britische Premierministerin Theresa May dürfte selbst äußerst überrascht sein über ihren Karrieresprung. Noch vor drei Wochen sah die Welt im Königreich ganz anders aus. Die meisten Briten gingen noch kurz vor dem Referendum davon aus, dass sie Mitglied in der EU bleiben würden. David Cameron war Premierminister und Schatzkanzler George Osborne galt als der designierte Kronprinz, der 2019 hätte übernehmen sollen. May fiel mehr durch Fleißarbeit und Krisenmanagement auf als durch Charisma und Visionen.

Dann folgten Tage des Tumults, in denen statt der Konservativen das Chaos regierte. Erst das Brexit-Votum, dann der Rücktritt von David Cameron , woraufhin fiese Intrigen das Buhlen um die Nachfolge dominierten. Am Ende dieses Dramas, das sich selbst Shakespeare kaum besser hätte ausdenken können, waren die Protagonisten der Brexit-Kampagne, Boris Johnson , Michael Gove und Andrea Leadsom, allesamt verschwunden. Auf der Bühne blieb Theresa May - ausgerechnet eine Frau, die sich für einen Verbleib in der EU eingesetzt hatte.

Sie hat Ruhe bewahrt. Mit ihr zieht aber eine Politikerin in Downing Street ein, die Konflikte nicht scheut und Hartnäckigkeit bewiesen hat. Das wird auch die EU zu spüren bekommen. In Brüssel heißt es zurzeit noch, dass es ohne Personenfreizügigkeit keinen Zugang zum Binnenmarkt gebe. Doch zahlreiche Briten fordern einen Sonderweg. Es ist zu hoffen, dass die bislang einig auftretende EU standhaft bleibt und nicht beginnt, mit Ausnahmen für die Briten an den Grundfreiheiten zu rütteln. Das werden schon die Politiker von der Insel übernehmen. Wie stark, das wird auch von den Ministern in Mays Kabinett abhängen - von denen viele Brexit-Befürworter sein dürften.



May scheint nach dem Brexit-Votum aber die eigentlich Botschaft vieler Wähler, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben, verstanden zu haben: Sie fühlen sich vom Polit-Establishment vergessen. Die Protestler haben für den Brexit votiert, weil sie London eins auswischen wollten. Gleichwohl weiß May, dass das drängendste Problem keineswegs Brüssel darstellte, sondern die Gemeinschaft nur als Sündenbock für hausgemachte Schwierigkeiten herhalten musste.

Theresa May hielt diese Woche denn auch eine Rede, in der sie ankündigte, die soziale Ungleichheit im Königreich bekämpfen zu wollen. Ihre Worte klangen mehr nach Labour als nach Tories und wecken Hoffnung. Denn der Zustand des Königreichs ist miserabel. Die Gesellschaft ist gespalten, der Wirtschaft stehen ungewisse Zeiten bevor, der Einfluss auf der Weltbühne könnte sinken. May hat die schwere Aufgabe, die Weichen für die Zukunft Großbritanniens zu stellen.