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Autohersteller in Nöten
Fiat-Chrysler ist zurzeit wie ein Auto ohne Benzin

 Der vor knapp einem Jahr  gestorbene Sergio Marchionne hatte Fiat und Chrysler gerettet.
Der vor knapp einem Jahr gestorbene Sergio Marchionne hatte Fiat und Chrysler gerettet. FOTO: dpa / Boris Roessler
Rom. Von Alvise Armellini

Nach dem plötzlichen Tod des Firmenchefs Sergio Marchionne und der geplatzten Fusion mit dem französischen Autobauer Renault hat Fiat-Chrysler ein hartes Jahr hinter sich. Doch auch die Zukunft bringt große Herausforderungen für den italienisch-amerikanischen Konzern und siebtgrößten Autobauer weltweit. Die Automobilindustrie ist im Wandel, Verkaufszahlen sinken, und die Modelle von Fiat-Chrysler – kurz FCA – sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. FCA baut serienmäßig bisher weder Elektroautos noch Hybrid-Modelle, und dass eines seiner wichtigsten Modelle, der Fiat 500, das erste Mal vom Band rollte, ist nun auch schon zwölf Jahre her.

„Die FCA-Gruppe hat sich finanziell stabilisiert. Trotzdem ist FCA immer noch ein zweitrangiger Autobauer“, sagt der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) im baden-württembergischen Geislingen, Stefan Reindl. Als Hauptprobleme des Autoherstellers sieht er dessen begrenztes Verkaufsvolumen, eine fehlende Globalisierungsstrategie sowie sein Zaudern bei neuen Technologien.

Weltweit verkauft FCA weniger als fünf Millionen Autos pro Jahr. Dank einer starken Nachfrage nach seinen Jeep-Geländefahrzeugen und Ram-Pick-ups stammen mehr als 90 Prozent seines Gewinns aus dem Nordamerika-Geschäft. In China, dem größten Automarkt weltweit, ist FCA dagegen so gut wie gar nicht präsent. In Europa schwächelt das Geschäft, und seine sagenumwobene Marke Alfa Romeo hat das Unternehmen bisher nicht wirklich wiederbeleben können. „Meiner Meinung nach können sie nicht lange so weitermachen“, sagt der Mailänder Zeithistoriker und ehemalige Direktor des Fiat-Archivs, Giuseppe Berta.



Marchionne, der nach Komplikationen bei einer Operation am 25. Juli 2018 im Alter von 66 Jahren gestorben war, hat bei FCA ein bedeutendes Erbe hinterlassen. Er war der Mann, der Fiat und Chrysler vor dem so gut wie sicheren Bankrott rettete. Als Chef von Fiat (ab 2004) und Chrysler (ab 2009) belebte Marchionne zwei ehemalige Problemfälle neu und führte sie als FCA zu einem globalen Unternehmen zusammen. Wichtiger als Investitionen in neue Modelle waren ihm dabei seine beiden Hauptziele: die Schulden von FCA loszuwerden und einen neuen Fusionspartner zu finden. Sein erstes Ziel hatte er erreicht, nicht aber das zweite. Marchionne blitzte mit seinen wiederholten Heiratsanträgen an General Motors immer wieder ab, und im Juni platzte auch eine Fusion mit Renault nach Widerstand in der französischen Regierung.

Eine Fusion oder eine Allianz mit einem anderen Autobauer erscheint als der einzige Weg für FCA, um die dringend notwendigen Ressourcen zur Entwicklung neuer Technologien und Produkte aufzubringen. Andernfalls müssten die Aktionäre – einschließlich der Fiat-Gründerfamilie Agnelli – die Investitionen selbst finanzieren. Bisher waren sie dazu nicht bereit. Autoindustrie-Experte Francesco Zirpoli von der Universität Ca‘ Foscari in Venedig beschreibt die Lage des Konzerns in ein drastischen Bild: „FCA ist wie ein Auto, das sehr schnell fahren könnte, aber nicht genug Benzin hat.“ Einige Fachleute sind der Meinung, dass eine Zusammenarbeit mit einem Autobauer aus China dem Unternehmen helfen könnte, endlich auch auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen.

Die Lage ist für FCA besonders brisant, weil sich die ganze Branche großen Herausforderungen gegenübersieht. „Die nächsten fünf bis zehn Jahre werden die schwerste Zeit seit der Erfindung des Autos werden“, prognostiziert Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. „Entweder man fusioniert oder kooperiert, oder man verlässt den Automarkt.“