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Europäische Union bietet Island Aufnahme an

 Geysire, Eis und Handball - Island ist für vieles bekannt, auch für seine maroden Banken. Die EU will das Land aufnehmen. Foto: dpa
Geysire, Eis und Handball - Island ist für vieles bekannt, auch für seine maroden Banken. Die EU will das Land aufnehmen. Foto: dpa
Brüssel. Die Kommission gibt sich entschlossen: Spätestens in zwei Jahren könnte Island zur EU gehören. Schon am Mittwoch nächster Woche will Brüssel den 27 Mitgliedstaaten empfehlen, offizielle Beitrittsverhandlungen zu eröffnen. Doch es scheint, als ob die Mehrheit der 320 000 Einwohner das gar nicht will Von Merkur-Korrespondent Detlef Drewes

Brüssel. Die Kommission gibt sich entschlossen: Spätestens in zwei Jahren könnte Island zur EU gehören. Schon am Mittwoch nächster Woche will Brüssel den 27 Mitgliedstaaten empfehlen, offizielle Beitrittsverhandlungen zu eröffnen. Doch es scheint, als ob die Mehrheit der 320 000 Einwohner das gar nicht will. Glaubt man den Umfragen rund um die Hauptstadt Reykjavik, wird die Volksabstimmung am 6. März ein ziemlich klares Ergebnis bringen: Nein zur EU. Größter und einziger Stolperstein ist das so genannte Icesave-Abkommen. Die Internetbank war im Herbst 2008 zusammengebrochen und dann zwangsverstaatlicht worden. Rund 3,5 Milliarden Euro vorwiegend von britischen und niederländischen Sparern wurden dabei vernichtet. Die Regierungen in London und Den Haag legten jedem Anleger 20 778 Euro ersatzweise aus. Für diesen Betrag müssen die Mitgliedstaaten nach den geltenden EU-Regeln geradestehen. Nun wollen beide Länder das Geld von Island zurückhaben. Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir ließ sich ein Abkommen aufdrücken, das bei ihren Landsleuten auf verbitterte Ablehnung stieß: Binnen 15 Jahren sollten die "Darlehen" zu einem Zinssatz von 5,5 Prozent beglichen werden. Staatspräsident Olafur Ragnar Grimsson stoppte den Deal und setzte ein Referendum an. Inzwischen bemühen sich alle Beteiligten um eine moderate Vereinbarung. Tatsächlich weiß in Reykjavik niemand, woher diese Rückzahlung eigentlich kommen soll. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden, ausländische Hilfskredite sind nötig, um die Währung überhaupt noch künstlich am Leben zu erhalten. Hinzu kommt die wachsende öffentliche Verärgerung über die Schuld an der Krise. Derzeit sucht Sonderstaatsanwalt Olafur Hauksson nach den Sündenböcken für das Desaster der ebenfalls verstaatlichten Kauphting-Bank. Nach Hausdurchsuchungen unter anderem in Luxemburg zeichnet sich ab, dass ein Großteil der Kredite dieses Institutes an einige wenige Haupteigentümer und ausgewählte Kunden geflossen sein soll - nahezu ohne Sicherheiten. Nun sollen die Steuerzahler für den Schaden aufkommen? Das Problem wird noch dadurch verstärkt, dass seit dem Ausbruch der Krise immer mehr Menschen die Insel verlassen. Im Jahr eins nach dem Ausbruch des Desasters verließen nach Angaben des Statistischen Amtes der Regierung 4835 Personen Island, das sind 1,5 Prozent - so viele wie noch nie zuvor. Ehemalige Ostarbeiter gingen wieder in ihre polnische Heimat, während gebürtige Inselbewohner in Norwegen eine neue Heimat suchten und fanden. In Brüssel verspricht man sich dennoch viel von einem offiziellen Aufnahmeangebot. In den Armen der EU könne Island wieder auf die Beine kommen, heißt es bei der Kommission. Meinung

Ein weiteres marodes Land?



Von Merkur-KorrespondentDetlef Drewes Island in Not - und schon ist die EU zur Stelle. Die Wirtschaft liegt brach, das Finanzwesen ist am Ende. Kein Problem: Brüssel hilft. Natürlich ist europäische Solidarität ein überaus hoher Wert. Aber warum bindet sich die EU einen Kandidaten ans Bein, der in erster Linie an den Fördertöpfen interessiert ist? Machen wir uns nichts vor: Dass Europa ein paar Fischgründe mehr bekommt, ist von einem Gewinn für die 27 Mitgliedstaaten weit entfernt. Stattdessen holt sich die EU ein marodes Land und einen weiteren Wackelkandidaten mehr an Bord. Vor Jahren wurden klare Kriterien formuliert, die jeder Beitrittskandidat erfüllen muss. Bei allem Mitgefühl für die wirtschaftliche Misere der Isländer: Es gibt keinen Grund, in diesem Fall von diesen Bedingungen abzurücken.