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Eine späte Entschuldigung: Hilfe für DDR-Heimkinder

 Ex-Insasse Ralf Weber in einer Zelle im Dunkelzellentrakt des ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau. Foto: Peter Endig/dpa
Ex-Insasse Ralf Weber in einer Zelle im Dunkelzellentrakt des ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau. Foto: Peter Endig/dpa
Berlin. Die quälenden Erinnerungen kommen immer wieder hoch: eiskalte Zwangsduschen, Strafhungern, Schläge, sexueller Missbrauch. Viele ostdeutsche Heimkinder sind für ihr Leben gezeichnet. Jetzt sollen sie Hilfe vom Staat bekommen - wie frühere West-Heimkinder bereits seit Anfang des Jahres Von dpa-Mitarbeiterin Theresa Münch

Berlin. Die quälenden Erinnerungen kommen immer wieder hoch: eiskalte Zwangsduschen, Strafhungern, Schläge, sexueller Missbrauch. Viele ostdeutsche Heimkinder sind für ihr Leben gezeichnet. Jetzt sollen sie Hilfe vom Staat bekommen - wie frühere West-Heimkinder bereits seit Anfang des Jahres. "Ich könnte weinen", sagt Roland Militz, der als Kind acht Jahre in DDR-Heimen eingesperrt war. "Das bedeutet, dass man uns heute glaubt."Lange standen ostdeutsche Heimkinder im Schatten ihrer Leidensgenossen im Westen. Dabei seien ihre Erlebnisse trotz der unterschiedlichen politischen Hintergründe vergleichbar, betont die Berliner Familienstaatssekretärin Sigrid Klebba. Gab es im Westen in den 70er Jahren aber Reformen, orientierten sich die Ost-Heime weiter an den grausamen Fürsorge-Richtlinien des späten 19. Jahrhunderts - kombiniert mit Umerziehung zum sozialistischen Idealmenschen. Viele ehemalige Heimkinder leiden noch heute an den Folgen. Der Bund und die ostdeutschen Länder geben daher 40 Millionen Euro für Therapie und Rentennachzahlungen. Keine Entschädigung, sondern eine Bitte um Entschuldigung, heißt es. "Verpasste Lebenschancen kann man nicht materiell ungeschehen machen", sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Hermann Kues (CDU).

Der erste Bericht über 40 Jahre DDR-Heimerziehung beschreibt erschreckende Zustände. Schläge, Schlaf- und Essensentzug, Isolation und sexuelle Übergriffe. "Am schlimmsten habe ich das Einsperren empfunden", wird ein ehemaliges Heimkind zitiert. "Wer gibt mir die gestohlene Zeit meiner Kindheit und Jugend zurück? Was tun mit dieser endlosen Angst, was falsch zu machen?", fragt ein anderes. Zwang und Gewalt hätten für viele Kinder und Jugendliche in den DDR-Heimen zum Alltag gehört, resümiert Kues. Den Angaben zufolge gab es bis 1990 rund 400 000 Kinder in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR.

Die Entschädigung westdeutscher Heimkinder ist seit Januar 2012 geregelt. Im Osten ist es komplizierter: Einige Heimkinder, die aus politischen Gründen eingewiesen wurden, haben bereits Geld erhalten. Die Hürde des Rehabilitierungsgesetzes aber sei so hoch, dass "nur schätzungsweise ein bis zehn Prozent aller Anträge" zum Erfolg führten, heißt es im Bericht. Hier zählen nicht die Zustände im Heim, sondern allein die Einweisung aus politischen Gründen.



Jetzt dürfe bei der Bewilligung von Hilfen nicht mehr allein auf lückenhafte Akten aus den Heimen gesetzt werden, betont die Thüringer Sozialministerin Heike Taubert (SPD), die die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung angestoßen hatte. "Wir müssen davon ausgehen, dass jeder, der dort war, auch von den Leistungen profitieren kann."

Allerdings sei nicht absehbar, wie viele der einstigen Heimkinder die Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen wollen.

Doch nicht alle ehemaligen Heimkinder dürften mit der Lösung zufrieden sein. Ombudsmann Peter Schruth hatte in der Vergangenheit davor gewarnt, ein Fonds könne nur Folgeschäden berücksichtigen. Viele Betroffene plädierten für eine monatliche Opferrente.