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Von wegen, Gesundheit!
Nies-Scham

Die Zeiten werden härter. Früher ernteten Menschen auf ein Niesen meistens „Gesundheit“ – manchmal war das als Wunsch sogar ernst gemeint. Heute jedoch treffen sie entweder strafende oder ängstliche Blicke. Von Pia Rolfs

Denn offenbar hat ein Mensch, der niest, seine Gesundheit nicht pflichtgemäß optimiert und sein Immunsystem nicht den Erfordernissen des Dienstplans oder des Freizeitpflichtprogramms angepasst. Möglicherweise war er in Corona-Virus-Zeiten sogar leichtsinnig und ist ohne Mundschutz herumgelaufen. Deswegen wird er zu Recht böse angeschaut, damit er Nies-Scham empfindet.

Natürlich sollten in einer Demokratie auch Niesende nicht ohne eine faire Anhörung gesellschaftlich geächtet werden, haben sie doch vielleicht gute Ausreden. „Das ist schon eine Allergie“, beteuern etwa manche, selbst wenn sie gleichzeitig schon verdächtig husten und heimlich Halsbonbons horten. Aber eventuell sind sie ja gar nicht gegen Frühblüher allergisch, sondern gegen Hypochonder. Und denen wollten sie eigentlich sagen: „Hast du etwa Schiss vor einem Schnupfen?“ Verkürzten diesen Satz dann aber aus praktischen Gründen zu „Ha-tschi?“