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| 21:16 Uhr

Die Sphinx von Schloss Bellevue

Berlin. Geht er oder bleibt er? Wenn er will, kann Joachim Gauck (76) als Bundespräsident weitermachen. Das wünscht sich auch das Volk. Aber wie sehen seine Lebenspläne aus? Die Frage wird in Berlin mit Spannung diskutiert. Werner Kolhoff

Nein, heißt es im Schloss Bellevue , man könne nicht bestätigten, dass der Präsident "in den nächsten Tagen" verkünden werde, ob er noch eine weitere Amtszeit anstrebe. Eine Zeitung hatte das vermeldet. Wann dann? Kein Kommentar. Berlin blickt gespannt auf die Sphinx von Schloss Bellevue . Wenn Joachim Gauck bei der Bundesversammlung am 12. Februar 2017 noch einmal kandidieren sollte, würde er auch gewählt werden. Alle - bis auf Linke und AfD - haben das schon erklärt. Wenn nicht, würde sich allerdings ein großes Personalkarussell zu drehen beginnen.

Bis zum Sommeranfang, vielleicht am 23. Mai, dem Verfassungstag, wird es darüber Klarheit geben, denn auch Gauck weiß, dass die Parteien auf seine Entscheidung warten. Der Präsident ist jetzt 76 Jahre alt und wäre 82 nach einer weiteren Amtszeit. Doch wer meint, schon wegen des Alters werde er sich weitere fünf Jahre nicht antun, muss ihn in diesen Tagen nur sehen. Von Müdigkeit keine Spur, von Amtsmüdigkeit erst recht nicht.

Am letzten Donnerstag im Schloss Bellevue hielt er wieder eine dieser Reden, die so typisch für ihn sind. Sehr gekonnt vom Blatt abgelesen, aber immer wieder spontane, auch heitere Einsprengsel. Und augenscheinlich topfit. Außerdem genießt er das Brimborium. Immer wenn er den Saal betritt, ruft ein Protokollbeamter: "Meine Damen und Herren, der Bundespräsident" - und alle müssen sich erheben. "Nehmen Sie bitte Platz", kann Gauck dann lächelnd sagen, ganz der generöse Gastgeber. Auch Daniela Schadt , seine 20 Jahre jüngere Lebensgefährtin, wirkte nicht, als empfände sie solche Veranstaltungen als Last.

Das Publikum, hier waren es unter anderem viele ehrenamtliche Helfer, fängt Gauck mit seiner eindringlichen Sprache und klaren Gedankenstruktur noch immer. Es ging um die Integration der Flüchtlinge . Und Gauck konnte sein Lieblingsthema ausbreiten. Sein Ideal sind Bürger, die sich als "soziale, auf unsere demokratische Gesellschaft bezogene Wesen verstehen". Wenn die Flüchtlinge gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilnähmen, "dann ist Integration gelungen". Gauck hat in der Vergangenheit mehrfach durchblicken lassen, wie stolz er auf die demokratische Stabilität Deutschlands ist. "Bis in die Gene hinein ein liberaler Staat" sei das Land geworden, formulierte er am Donnerstag, den Historiker Ulrich Herbert zitierend. Manche sahen bisher in solchen Aussagen immer einen Hinweis, dass der Präsident nun abtreten werde, nach dem Motto: Mission erfüllt. Doch diesmal fügte Gauck sarkastisch hinzu: "Das wollen wir mal alle von Herzen glauben." Die Erfolge der AfD, das Brandschatzen gegen Asylbewerberheime, die Polarisierung der innenpolitischen Diskussion und die wachsende Ablehnung Europas haben ihn nicht unbeeindruckt gelassen. Er glaubt, dass es eine Stimme braucht, die sowohl auf Offenheit gegenüber den Zuwanderern setzt, als auch die Probleme nicht verschweigt. Die beide Seiten zur Integration mahnt, wie er es immer wieder tut. So könnte er zu dem Schluss kommen, dass die Mission eben doch noch nicht erfüllt ist und dass er in so einer Situation nicht abtreten darf.

Zumal, Punkt zwei, eine solche Entscheidung zusätzliche innenpolitische Unruhe brächte, weil der neue Bundespräsident zu Beginn des Bundestagswahljahres 2017 gewählt werden muss. Die SPD würde darauf pochen, dass nach 13 Jahren (Johannes Rau ) endlich wieder ein Sozialdemokrat Staatsoberhaupt werden müsse. Zumal wenn eine große Koalition regiert und die CDU schon den Kanzler stellt. Und mit Frank-Walter Steinmeier hätte sie einen Top-Kandidaten.

Angela Merkel aber, geschwächt durch sinkende Umfragewerte, würde innerparteilich wohl verprügelt, wenn sie die Stärke der Union in der Bundesversammlung nicht ausspielen würde. CDU und CSU sind dort mit rund 545 von 1260 Sitzen klar stärkste Parteien und könnten einen eigenen Kandidaten spätestens im dritten Wahlgang durchsetzen. Aber wen? Wolfgang Schäuble wird immer genannt, ist mit 74 aber fast ebenso alt wie Gauck. Auch die Grünen könnten 36 Jahre nach ihrer Gründung beanspruchen, auch einmal das höchste Staatsamt zu bekommen. Vielleicht mit Winfried Kretschmann . Sie könnten so die Ernsthaftigkeit Merkels testen, nach der Wahl mit ihnen zu koalieren. Ein Verzicht Gaucks würde also enormen Trubel auslösen.