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| 22:04 Uhr

Die kurze Terrorkarriere der „Gruppe Freital“

Das Gewehr im Anschlag, in Schutzanzüge gepackt: Wie auf diesem Archivfoto schlug die GSG 9 auch gestern Morgen in Freital zu. Foto: dpa
Das Gewehr im Anschlag, in Schutzanzüge gepackt: Wie auf diesem Archivfoto schlug die GSG 9 auch gestern Morgen in Freital zu. Foto: dpa FOTO: dpa
Freital/Dresden. Sachsen steht wegen rechtsex tremer Umtriebe seit langem im Fokus. In Freital ließ sich die Radikalisierung einer Gruppierung quasi im Zeitraffer verfolgen. Gestern hat die Justiz zugeschlagen und fünf Verdächtige verhaftet. dpa-Mitarbeiter Jörg Schurig

Der Zugriff erfolgte zu früher Stunde und von vielen unbemerkt. Für die Betroffenen selbst dürfte er kaum überraschend gekommen sein. Denn immer enger hatte sich das Netz um die Mitglieder einer rechtsextremen Bürgerwehr in Freital bei Dresden zusammengezogen. Schon im November 2015 kamen drei ihrer Mitglieder in Untersuchungshaft. Als die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe vor Kurzem die Verfahren von Dresdner Kollegen an sich zog, muss den Betroffenen Böses geschwant haben. Am Dienstag griff die Justiz zu und schickte dafür sogar die Männer der GSG 9 nach Sachsen.

Die Spezialeinheit der Bundespolizei nahm vier Männer im Alter von 18 bis 39 Jahren und eine 27-jährige Frau fest. Einschließlich ihrer drei bereits inhaftierten Gesinnungsgenossen stehen sie im Verdacht, spätestens im Juli 2015 die rechtsterroristische Vereinigung "Gruppe Freital" gegründet zu haben und in unterschiedlicher Tatbeteiligung schwere Straftaten verübt zu haben. Unter anderem geht es um versuchten Mord , die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung. Bei einem der Anschläge war ein Flüchtling im Gesicht verletzt worden. Für Beobachter der rechten Szene in Sachsen ist die Entwicklung in Freital kein Zufall. Kerstin Köditz, Rechtsextremismus-Expertin der Linken im Landtag, wirft der dortigen Regierung vor, aus dem "eigenen Behördenversagen" beim Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) nur völlig unzureichende Konsequenzen gezogen zu haben. Die Freitaler Bürgerwehr sei bereits im Mai 2015 offen in sozialen Netzwerken in Erscheinung getreten. Laut Köditz hatten sich die mutmaßlichen Mitglieder teils unter Klarnamen zu erkennen gegeben und mitunter solche Taten kommentiert, die der Gruppe zur Last gelegt wurden.

"Ihre Radikalisierung ließ sich also ‚live‘ verfolgen", sagt Köditz. Man hätte daher viel eher einschreiten müssen. Ähnlich beschreibt es Köditz' Fraktionskollegin Verena Meiwald, die ihr Wahlkreisbüro in Freital hat. Die aggressive Stimmung unter den "besorgten Bürgern" sei schon im Sommer 2015 besorgniserregend gewesen: "Die permanenten Schmierereien im Stadtgebiet, ob nun ‚NS‘ oder ‚No Asyl‘ oder so was sind ja beinahe alltäglich." Jetzt ist Meiwald froh, dass es zu den Festnahmen kam und der Terror nun vielleicht ein Ende hat: "Es ist wichtig, dass die vermeintlichen Retter des Abendlandes da draußen merken, dass es für ihr Handeln auch noch Konsequenzen gibt."

Freital ist schon länger ein Synonym für Fremdenhass und Gewalt gegen Flüchtlinge und ihre Helfer. Die Stadt, die nur wenige Autominuten von Dresden entfernt liegt, war im heißen Sommer 2015 ein Brennpunkt und sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Wochenlang demonstrierten Rechtsextreme im Schulterschluss mit vermeintlichen Normalbürgern vor dem Flüchtlingsheim in einem ehemaligen Hotel. Immer wieder kam es zu Angriffen und Anschlägen.

Der Ruf der Stadt hat extrem gelitten. Das ist auch Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU ) klar. Nach den Festnahmen gestern wurde er von Medien bestürmt. "In unserer Stadt ist kein Platz für extremistische Straftäter", sagte das Stadtoberhaupt immer wieder. Es klang hilflos.