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„Synodaler Weg“ gestartet
Ein brisanter Weg in die Zukunft der Katholiken

Bonn/München. Advent, Advent... das bedeutet dieses Jahr für die deutschen Katholiken weit mehr als brennende Kerzen in Erwartung des Weihnachtsfests. Diesmal hat mit dem ersten Adventssonntag ein auf zwei Jahre angelegter tiefgreifender Reformprozess begonnen, der „synodale Weg“. Von Christoph Driessen, dpa

Viele sind überzeugt, dass davon nichts weniger als die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland abhängt.

Auslöser für das in dieser Form beispiellose Projekt ist der massenhafte Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die dadurch ausgelöste Vertrauenskrise. Angegangen werden sollen die strukturellen Ursachen, die dazu beigetragen haben, dass der Missbrauch so lange ungestraft geschehen konnte. Oberstes Organ des Reformprozesses wird die Synodalversammlung sein. Ihr gehören 230 Mitglieder an, und zwar die 69 deutschen Bischöfe, 69 Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk) – als Vertretung der Gläubigen – und 92 Vertreter anderer katholischer Berufsgruppen. Die Versammlung soll zweimal pro Jahr tagen, zum ersten Mal vom 30. Januar bis zum 1. Februar 2020.

Bei dieser ersten Sitzung wählt die Synodalversammlung die Mitglieder von vier Synodalforen, die die vier Themenfelder des Reformprozesses behandeln: der Umgang der Kirche mit Macht, die kirchliche Sexualmoral, die umstrittene Ehelosigkeit von Priestern und die Position der Frauen in der Kirche.



Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal und frühere Trierer Bischof Reinhard Marx, und ZdK-Präsident Thomas Sternberg appellierten am Sonntag an alle Gläubigen, sich intensiv an dem Prozess zu beteiligen. „Wir laden auch diejenigen unter ihnen ein, die Schwierigkeiten mit dem Glauben und der Kirche haben“, betonten sie.

Die große Frage ist nun: Kann der Prozess wirklich etwas verändern? Kritiker sagen: Nein, denn die deutschen Katholiken sind nicht unabhängig, sondern Teil der Weltkirche. Deshalb dürfen sie allein auch nichts Wichtiges beschließen. Der Vatikan hat die deutschen Schäflein darauf schon in einem geharnischten Brief hingewiesen.

Dennoch ist die Brisanz des Prozesses nicht zu unterschätzen. Zwar kann die Synodalversammlung nicht eigenständig beschließen, dass zum Beispiel künftig Priester heiraten dürfen und damit der Zölibat fällt. Es ist aber sehr gut möglich, dass sich die Versammlung am Ende eben dafür ausspricht und dem Vatikan eine entsprechende Empfehlung übermittelt. Ein solcher Schritt der deutschen Gläubigen hätte eine enorme Symbolwirkung. Die nervöse Reaktion der Kurie ist bereits ein Hinweis darauf, dass man hier Ungemach befürchtet.

Zudem gibt es auch Bereiche, in denen die Deutschen eigene Entscheidungskompetenz haben. Hier kann die Synodalversammlung Beschlüsse fassen, die dann allerdings von der Bischofskonferenz umgesetzt werden müssen – denn in der katholischen Kirche liegt die Macht letztlich allein bei den Bischöfen, die sie wiederum vom Papst ableiten. Die deutschen Bischöfe sind aber mit großer Mehrheit davon überzeugt, dass etwas passieren muss und der „synodale Weg“ kein bloßer Gesprächsprozess bleiben darf.

Denkbar wäre zum Beispiel folgendes Szenario: Die Bischofskonferenz entscheidet auf Empfehlung der Synodalversammlung, dass Segnungen homosexueller Paare künftig grundsätzlich möglich sein sollen. Das wäre in der strukturkonservativen Welt des Katholizismus ein enormer Schritt. Einzelne Hardliner-Bischöfe könnten sich dem widersetzen, indem sie eine solche Regelung für ihr Bistum verbieten. Allerdings wäre das mit Risiken verbunden: Denn wenn die große Mehrheit der Bischöfe diese Öffnung mittragen würde, wären die Gegner isoliert. Die nächsten zwei Jahre dürften spannend werden.