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Fusion Siemens/Alstom
Der Streit um den Mega-Deal eskaliert

Brüssel. Die beiden Unternehmen gehören zur Avantgarde auf den europäischen Schienennetzen: Der französische Alstom-Konzern, aus dessen Schmiede die Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ TGV stammen, und das deutsche Haus Siemens, erfolgreicher Hersteller des ICE, der nun schon in der vierten Generation auf den Gleisen unterwegs ist.

Seit Monaten sorgen Pläne, die beiden Produzenten für eine Art „Airbus auf Schienen“ zusammenzulegen, für erheblichen Streit in Brüssel. Paris und Berlin unterstützen das Vorhaben nicht nur, sie drängen regelrecht auf die Bildung eines „europäischen Champions“ für den Weltmarkt, wie es Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ausdrückte.

Denn die Konzerne und die Regierungen der beteiligten Länder wissen, dass ein fusionierter Siemens-Alstom-Hersteller in Europa quasi eine Monopolstellung bei Zügen über 250 Stundenkilometern hätte. Auf der Weltbühne aber wäre dieses Unternehmen immer noch nur die Nummer zwei – hinter dem chinesischen Staatskonzern CRRC. Dem wollten Politik und Wirtschaft etwas entgegensetzen – rechtzeitig vor der nächsten Ausschreibungswelle bei Hochgeschwindigkeitszügen, die in fünf Jahren erwartet wird. Dann rollen die TGV und ICE der ersten Generation auf das Abstellgleis.

Doch das europäische Kartellrecht hat klare Vorgaben. Untersucht werden die Auswirkungen auf den europäischen, nicht aber den Weltmarkt. Brüssels zuständige EU-Kommissarin Margrethe Vestager geriet im Verlaufe der Prüfung des Fusionsantrages immer mehr unter Druck. Ihr Haus wollte erreichen, dass die Konzerne Geschäftsbereiche wie zum Beispiel die Signaltechnik an Konkurrenten abgeben sollen, um allzu tiefgreifende Störungen des Wettbewerbs zu vermeiden. Bei Siemens signalisierte man Bereitschaft, auf dieses Geschäftsfeld zu verzichten, das mit etwa 600 Millionen Euro rund vier Prozent des neuen gemeinsamen Hauses ausgemacht hätte.



Doch den Kartellwächtern in Großbritannien, Spanien, den Niederlanden, Belgien und Deutschland  reicht das nicht. In Brüssel droht deshalb offenbar eine Ablehnung des Antrags. Sehr zum Missfallen der beteiligten Regierungen. „Europa kann in der Welt nur dann bestehen, wenn wir Unternehmen in bestimmten Schlüsselindustrien erlauben, so stark zu werden, dass sie eine kritische Größe erreichen“, sagte der Saarländer Altmaier erst am vergangenen Donnerstag in einem Interview. Sein französischer Kollege Bruno Le Maire rügte die Regeln, auf deren Grundlage Brüssel entscheidet. Sie stammten aus dem letzten Jahrhundert und müssten „zukunftsfest“ gemacht werden. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie drängte, die Wettbewerbsregeln zu ändern. Die EU solle „das vom Markt getriebene Bilden europäischer Champions“ zulassen.

Die Entscheidung der Kommissarin wird in den nächsten Tagen bis spätestens Mitte Februar erwartet. Doch es ist noch nicht klar, ob sie sich intern mit ihrer Ablehnung der Fusion durchsetzen kann. Denn Vestager entscheidet nicht allein. Sie muss ihren Beschluss durch das Kollegium der 28 Kommissare unter Präsident Jean-Claude Juncker absegnen lassen. Und dort bewegt sich durchaus etwas, wie eine Äußerung des (französischen) Währungskommissar Pierre Moscovici zeigt: „Wir wollen die Entwicklung der Wirtschaft von morgen mit in Betracht ziehen“, sagte er. „Wir sind nicht naiv.“

Dass das Kommissionskollegium seine eigene Wettbewerbskommissarin überstimmt, galt bisher als undenkbar. Nun scheint genau dieser Fall nicht mehr ausgeschlossen. Doch wenn die Großen sich künftig über geltende Kriterien hinwegsetzen können, ist dies das Ende des fairen Wettbewerbs in Europa.