| 20:24 Uhr

Analyse Die neue rechtspopulistische Partei Vox könnte Umfragen zufolge erstmals ins spanische Parlament einziehen. Vielleicht wird sie sogar mitregieren.
Der Star der Ultrarechten beunruhigt viele Spanier

 Santiago Abascal, Chef der extrem rechten Partei Vox, pocht auf die Einheit Spaniens.
Santiago Abascal, Chef der extrem rechten Partei Vox, pocht auf die Einheit Spaniens. FOTO: AP / Alvaro Barrientos
Madrid. Von Carola Frentzen und Emilio Rappold

Lässig lächelnd stehen sie nebeneinander, Zigarren im Mund, der eine leger in Jeans, der andere in voller Torero-Montur und mit Elvis-Koteletten. Santiago Abascal, Chef der ultrarechten spanischen Partei Vox, lässt keine Gelegenheit aus, sich mit seinem Lieblings-Stierkämpfer Morante de la Puebla blicken zu lassen. Mit seiner Passion für Stierkampf macht der 43-jährige Abascal im Vorfeld der Parlamentswahl am kommenden Sonntag ordentlich Werbung. Ob Stierkampf, Flamenco oder Jagd: Spanisches Brauchtum ist eines der Lieblingsthemen der Newcomer-Partei, die zunehmend Sorgen weckt. Erstmals seit dem Ende der Franco-Diktatur im Jahr 1975 könnte eine Partei des extrem rechten Spektrums ins Madrider Parlament einziehen – und wenn man den Umfragen glauben darf, gleich mit einem zweistelligen Ergebnis.

Das war im Dezember bereits in Andalusien gelungen, wo Vox bei der Regionalwahl aus dem Stand elf Prozent der Stimmen holte. Seit Januar regiert die erst 2013 gegründete Partei sogar mit. Vox pocht nicht nur auf altes Kulturgut wie Stierkampf, sondern vor allem auf die Einheit des Landes ohne jegliche Autonomiegelüste. „Die Autonomie ist das Krebsgeschwür Spaniens!“, rief Abascal erst kürzlich in Madrid jubelnden Anhängern zu. Damit trifft die Partei den Nerv all derer, die vom katalanischen Separatismus die Nase voll haben. So wird gleich in Punkt 1 des 100-Punkte-Wahlprogramms die „Aufhebung der katalanischen Autonomie bis zur völligen Niederlage des Putschistentums“ gefordert. Aber Vox steht auch für ein hartes Vorgehen in puncto Migration. Umstandslose Abschiebung aller illegalen Einwanderer lautet das Wahlversprechen – und der Bau einer „unüberwindbaren“ Mauer zwischen Marokko und Spaniens Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla, die dort den sechs Meter hohen Grenzzaun ersetzen soll.

Das erinnert an ein ähnliches Wahlversprechen von US-Präsident Donald Trump mit Blick auf die Grenze zu Mexiko, auch wenn Abascal in Interviews versichert, dass seine Partei sich weder mit Marine Le Pen in Frankreich noch mit Trumps Politik eng verbunden fühlt. „Bei Vox dreht es sich nur um die Interessen Spaniens“, erklärte er Ende 2018 im Interview mit der Zeitung „La Razón“. Dann fügte er hinzu, seine Partei habe allerdings mehr mit diesen Politikern gemeinsam als mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, „die Europa zerstört, indem sie die Türen für massive Einwanderung und die Zerstörung der Souveränität der Nationalstaaten geöffnet hat“.



Die Frage, die sich viele stellen, lautet: Ist Vox noch „rechtsaußen“? Oder schon „rechtsextrem“? Sogar ein Erzkonservativer wie PP-Spitzenkandidat Pablo Casado, der eine Koalition mit der Newcomer-Partei nicht ausschließt, meinte jüngst, er könne sich in dieser Frage nicht festlegen. Es gebe „Tage“, an denen man sich frage: „Mein Gott, wie weit werden sie noch gehen?“ Viele Spanier machen sich offenbar Sorgen. In einer Umfrage der konservativen Digitalzeitung „El Español“ und des Forschungsinstituts Sociométrica bezeichnete knapp die Hälfte der 1800 Teilnehmer Vox als „Bedrohung für die spanische Demokratie“.

Einige der noch immer zahlreichen Anhänger der Franco-Diktatur werden derweil als sichere Vox-Wähler gehandelt. Am 20. November wurde der 43. Todestag Francos spanienweit mit katholischen Messen begangen. Vor einer Kirche an der Madrider Nobelmeile Calle Serrano hoben viele ungeniert den rechten Arm zum Nazigruß und sangen Hymnen des Regimes. „Viva Franco!“ und „Viva España!“ erklang. Und auch: „Viva Hitler!“ Da passt es ins Bild, dass Vox einige Generäle im Ruhestand, die die Diktatur preisen, als Kandidaten ins Rennen schickt.