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Vom Viehmarkt zum Politspektakel:
100 Jahre Politspektakel an Aschermittwoch

 Prägte den politischen Aschermittwoch wie kein anderer: der ehemalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß, hier 1987 in Passau.
Prägte den politischen Aschermittwoch wie kein anderer: der ehemalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß, hier 1987 in Passau. FOTO: dpa / Frank Leonhardt
Passau/Vilshofen. Das waren noch Zeiten. Als Franz Josef Strauß beim politischen Aschermittwoch in Niederbayern am Rednerpult stand, schwitzend gegen Sozialisten und Kommunisten wetterte, unter johlendem Applaus des bierseligen Publikums.

Als „politisches Hochamt der CSU“ sehen die Christsozialen den Aschermittwoch immer noch. Doch der Aschermittwoch von heute hat nicht mehr viel mit dem Aschermittwoch von früher gemein.

Tatsächlich verbinden viele den Aschermittwoch mit CSU-Übervater Strauß. Schließlich trat dieser zwischen 1953 bis zu seinem Tod 1988 35 Mal als Redner auf – als CSU-Generalsekretär, Bundesminister, Ministerpräsident, CSU-Chef. Und bei Strauß ging es kräftig zur Sache. 1975 zum Beispiel, da schleuderte er der damaligen SPD/FDP-Bundesregierung entgegen, diese habe in Deutschland einen riesigen „Saustall“ angerichtet.

Dabei hat der politische Aschermittwoch eine viel längere Tradition – er wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Und die Geburtsstunde war auch nicht in Passau, wo die CSU inzwischen Jahr für Jahr zu Gast ist, sondern im niederbayerischen Vilshofen. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich dort an diesem Tag die Bauern zum Viehmarkt getroffen. Dabei feilschten sie nicht nur um Tierpreise, sondern nahmen beim Bier auch die königlich-bayerische Regierung ins Visier. 1919 lud der bayerische Bauernbund anlässlich des Viehmarkts dann erstmals zu einer Kundgebung – das Politspektakel war geboren.



Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der politische Aschermittwoch von der Bayernpartei wiederbelebt, die ihre Veranstaltung zu deftigen Angriffen auf die CSU nutzte. Die stieg wenig später in die Tradition ein: Am 18. Februar 1953 lud die CSU zu ihrer ersten Aschermittwochs-Kundgebung: in den „Wolferstetter Keller“ in Vilshofen. Strauß, damals CSU-Generalsekretär, war einer der Redner. Das Traditionslokal war am Aschermittwoch viele Jahre die Heimat der CSU – und so voll, dass die CSU 1975 in die Passauer Nibelungenhalle ausweichen musste. „Vilshofen müssen wir jetzt denen überlassen, die es schwer haben, den kleinen Saal dort zu füllen“, spottete Strauß unter lautem Gelächter. Er meinte die SPD.

Damals hatten sich bereits andere Parteien der Tradition angeschlossen. Heute ist der politische Aschermittwoch ein mediales Politspektakel, das keine Partei, die was auf sich hält, auslassen kann. Nicht nur CSU und SPD und nach wie vor die Bayernpartei laden ihre Anhänger an diesem Tag in der Regel nach Niederbayern ein, sondern auch Grüne, FDP, Linke, Freie Wähler, AfD und ÖDP. Und auch in anderen Bundesländern ist der politische Aschermittwoch ein Exportschlager geworden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) etwa trat in den vergangenen Jahren im mecklenburgischen Demmin auf. Diesmal tritt dort die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in Merkels Fußstapfen.

In diesem Jahr dürfte der politische Aschermittwoch unter anderem im Zeichen der nahen Europawahl stehen. Deshalb spricht etwa bei der CSU nicht nur Neu-Parteichef und Ministerpräsident Markus Söder, sondern auch der europaweite EVP-Spitzenkandidat und CSU-Vize Manfred Weber. Der kennt sich als ehemaliger niederbayerischer CSU-Bezirkschef zwar aus mit dem politischen Aschermittwoch – und ist doch ein Politiker der leiseren Töne geblieben.