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Ist die AfD bürgerlich?
Völkische Vorstellungen sind nicht bürgerlich

Düsseldorf. Elf Lösungsworte in Längen zwischen fünf und 15 Buchstaben bietet die Kreuzworträtsel-Hilfe im Internet für den Begriff „bürgerlich“ an: solid, zivil, solide, bieder, geordnet, bourgeois, etabliert, angepasst, ordentlich, konservativ, mittelständisch. Von Martin Bewerunge

Ratefüchsen reicht das. Der Rest der Republik spürt der Bedeutung des Adjektivs erheblich angestrengter nach, seit sich die AfD angesichts beachtlicher Wahlerfolge in Sachsen und Brandenburg zur „bürgerlichen Oppositionspartei“ und zu „Vertretern des Bürgertums“ aufgeschwungen hat.

Wer oder was aber ist eigentlich bürgerlich? Halten wir fest: Es gibt Großbürger, Kleinbürger und Spießbürger. Bildungsbürger, Mitbürger, Wahlbürger und neuerdings auch Wutbürger. Das Spektrum reicht vom armen Schlucker bis hin zu Leuten, die über reichlich altes Geld verfügen. In bürgerlichen Wohnstuben finden sich Bauhausmöbel ebenso wie Gelsenkirchener Barock. Im Übrigen zeichnen bürgerliche Tugenden wie Disziplin, Pünktlichkeit oder Sauberkeit auch Menschen aus, die ansonsten absolute Widerlinge sind. Kurzum: Das Terrain ist unübersichtlich.

Hinzu kommt: Bürgerlichkeit behagt nicht allen. 1968 waren es die Studenten, die dem Bürgertum vorhielten, durch sein Dasein und Sosein Adolf Hitler nicht nur nicht verhindert, sondern seiner Vernichtungsmaschine erst die tödliche Präzision verliehen zu haben. Eine antiautoritäre Welle brandete durchs Land, auf der Individualisten, Selbstverwirklicher und Aussteiger surften.



Heute nun wird heftig gestritten, wer für sich reklamieren darf, die Bürgerlichen im Volk zu repräsentieren. Dabei finden sich durchaus Merkmale des Bürgerlichen, die dessen Wesen deutlicher hervortreten lassen. Als im Mittelalter die Städte wuchsen, tauchte in einer von Adel, Kirche und Bauern geprägten Gesellschaft ein neuer Typus auf: der Bürger. Er verfügte über Grundbesitz, zahlte dafür Steuern und genoss ein relativ selbstbestimmtes Dasein. Stadtluft machte frei, und in dieser bürgerlichen Freiheit konnte der Zweifel an der althergebrachten Legitimierung von Macht keimen. In der Französische Revolution brachte die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die Ziele einer besseren gesellschaftlichen Ordnung auf den Punkt. Sie sollte den neuen, den mündigen Bürger leiten, den der Philosoph Jean-Jacques Rousseau „Citoyen“ genannt hatte: ein aufgeklärter Staatsbürger, der am Gemeinwesen teilnimmt und es mitgestaltet.

In Solidarität und im Respekt vor anderen liegt also die Essenz des Bürgerlichen, Maß und Mitte nicht minder, wie es in den Anmerkungen des Philosophen Odo Marquard zur bürgerlichen Kultur zum Ausdruck kommt: „Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber der großen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem Moratorium des Alltags, das Geregelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen.“

In diesem Sinne engagieren sich bis heute zahllose Bürger auch in diesem Lande für das Gemeinwohl – sehr oft uneigennützig, ehrenamtlich, ohne großes Aufheben. Sie kümmern sich um Kinder und um Alte, um Behinderte und um Flüchtlinge. Das Selbstverständnis dieser starken bürgerlichen Zivilgesellschaft in Deutschland unterscheidet sich allerdings ganz wesentlich von dem, was Rechtspopulisten allenthalben auf ihre Fahnen schreiben: maßlose politische Forderungen, Alarmismus, Pathos, das Verächtlichmachen nicht nur von Menschen, sondern auch von politischen und gesellschaftlichen Institutionen, die den Staat tragen. Völkische Vorstellungen haben mit Bürgerlichkeit nichts zu tun. Jetzt ist die Zeit, sich auf das Beste im Bürger zu besinnen, es selbstbewusst hervorzuheben und es mutig zu verteidigen.