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Bischöfe suchen nach neuer Orientierung

Rom. Wie soll die katholische Kirche künftig mit den Themen Ehe und Familien umgehen? Darüber diskutiert derzeit die von Franziskus einberufene Synode in Rom. Eine klare Linie zeichnet sich noch nicht ab, auch wenn Beobachter eine gewisse Bewegung sehen. Julius Müller-Meiningen

Irgendwann werden die ehrwürdigen Reden im Saal von einem lauten Schreien durchbrochen. Der drei Monate alte Davide hat sich zu Wort gemeldet. Er ist der jüngste Sohn des Ehepaares Baroni, das als Zuhörer zu der Bischofssynode im Vatikan geladen ist. Das Baby plärrt, die Bischöfe applaudieren. Das echte Leben hat sich für einige Augenblicke in der katholischen Kirche gemeldet.

Genau darum geht es eigentlich bei dieser Bischofsversammlung zum Thema Familie, um das Leben. Der Papst und viele Prälaten haben gemerkt, dass die katholische Kirche sich mit ihrer Haltung zu Moralfragen, zu Ehe und Familie sehr weit von der Wirklichkeit entfernt hat. Franziskus hat aus diesem Grund einen Prozess ins Rollen gebracht, an dessen Ende die Kirche ihren Platz als eine echte Begleiterin der Menschen, gerade in schwierigen Situationen, finden soll. Ob das gelingen kann? Auf der anderen Seite haben in den ersten Tagen der Synode nicht wenige Bischöfe und Kardinäle gesprochen, die eher der umgekehrten Meinung sind. Nicht die Kirche müsse ihre Haltung ändern oder gar konkrete Formen der Seelsorge neu ausrichten, sie dürfe sich nicht dem Zeitgeist anbiedern. Als Fels in der Brandung soll die Kirche weiter durch alle Stürme und Anklagen bestehen. Diese konsequente Haltung und nicht das Anbiedern an die Welt sei wahre Orientierung für die Menschen.

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Synode. Morgens, noch vor neun Uhr, ist es Papst Franziskus, der langsam von seiner Residenz, dem Gästehaus Santa Marta, in ein paar Minuten zu Fuß hinüber in die Synodenhalle läuft. Fotografen aus aller Welt haben ihre Objektive auf ihn angesetzt. Das Interesse für die Frage, ob die Kirche jetzt nicht nur im Stil, sondern substantiell eine neue Richtung einschlagen wird, ist enorm. Die Synode könnte der Wendepunkt des Pontifikats werden, in jeder Hinsicht. Als effektiver Kurswechsel für die Kirche oder als große Enttäuschung. Der Papst hat eine blaue Mappe unter dem Arm, er läuft ohne Leibwächter. Als er in der Halle ankommt, schüttelt er vielen der knapp 270 Bischöfen persönlich die Hand. "Ich bin einer von euch", soll diese Attitüde signalisieren. Auch in den Kaffeepausen mischt sich der Papst unter Seinesgleichen. "Die kirchliche Glaubenslehre ist kein Museum, das es zu behüten oder zu beschützen gilt", sagt der Papst zu Beginn der Versammlung. Die Lehre müsse eine lebendige Quelle sein. Die Frage ist, wie diese Wende hin zur Lebendigkeit gelingen kann.

Die Erwartungen sind groß. Das spüren auch die Teilnehmer selbst. "Ein gewisser Druck ist da", bekennt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx schlecht gelaunt bei einer Pressekonferenz am Montag. "Die Erwartungen waren noch nie so hoch, das merkt man", fügt er hinzu. Und es ist ziemlich klar, wer diese Erwartungen geweckt hat: Franziskus. Er hat Fragebögen an die Gläubigen verschicken lassen, die die Kluft zwischen Wirklichkeit und katholischer Lehre unübersehbar machen, er ließ im vergangenen Herbst bereits eine außerordentliche Synode zum Thema abhalten.

Aber die katholische Kirche tut sich schwer. Die Lehre zur Ehe, insbesondere ihre Unauflöslichkeit darf nicht angetastet werden, heißt es. Viele Katholiken wissen gar nicht, was damit gemeint ist. Die vergangene Synode habe die kirchliche Ehelehre nicht etwa in Frage gestellt, verteidigt sich der Papst. Das klingt nach einer defensiven Haltung, die die Reformer insgesamt kennzeichnet. Dabei ist diese Synode ihre Chance.

In einer spontanen Stellungnahme sagt der Papst auch, dass die umstrittene Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener nicht das einzige Problem sei. Auch dabei handelt es sich um ein für normale Menschen unverständlich komplexes Thema. Ob die Synode ein Erfolg für den Papst werden wird, hängt davon ab, ob es gelingt, einen roten Faden und nicht nur ein Protokoll der verschiedenen Meinungen zu liefern.