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Augen zu und durch?

Heute ist ein schwerer Tag für Europa. Denn der Versuch, die Gestrandeten in den griechischen Auffanglagern per Eilverfahren in Menschen mit und ohne Asyl-Perspektive zu sortieren, ist ja viel mehr als nur ein bürokratischer Akt. Detlef Drewes

Selbst diejenigen, denen man eine Ausreise in die EU auf dem neuen Umweg über die Türkei in Aussicht stellt, werden sich widersetzen. Zu groß ist ihre Verzweiflung, zu tief sind die Wunden des Krieges und der Flucht, als dass sie so kurz vor dem Ziel Europa aufgeben könnten.

Hinzu kommt das nach wie vor große Misstrauen in die Türkei. Deren Führung trug seit dem Abkommen mit der EU wenig dazu bei, sich als stabiler und demokratisch ernstzunehmender Partner zu präsentieren. Wird Ankara weiter Syrer in ihr Heimatland abschieben, dessen Präsident Baschar al-Assad erklärtermaßen weiterkämpfen will, bis er ganz Syrien wieder unter seiner Kontrolle hat?

Es fällt schwer zu glauben, dass die Rückführung mit anschließender geregelter Ausreise ohne belastende Bilder beginnen kann. Fast hat man das Gefühl, in Europas Hauptstädten habe man sich auf das Prinzip "Augen zu und durch" eingestellt. Nach dem Motto: Die ersten Tage werden schlimm, danach könnte es laufen - und wirken. Doch die Bilder dürften sich eingraben in das europäische Bewusstsein und die Geschichte der Gemeinschaft, die ihre Solidarität eingebüßt hat und sich nun zur Festung macht. Das ist nicht nur ihre Schuld: Die meisten Flüchtlinge sind Opfer krimineller Menschenhändler, die ihre Not kaltblütig ausnutzen. Dass man dieser organisierten Kriminalität nicht anders begegnen konnte, als die Betroffenen aus dem Meer zu holen und dann unter neuen Leiden zurückzuschicken, ist der eigentliche Skandal. Er macht die Türkei ebenso wie die afrikanischen Mittelmeer-Anrainer zumindest zu Mitschuldigen.

Noch eine Chance hat Europa, um in einem anderen Licht zu erscheinen. Denn die Rückführung derer, die nach dem 20. März nach Griechenland kamen, ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere wird die europäische Familie weiter fordern: Schließlich soll die Türkei für jene, die ein Recht auf Asyl haben, nur Zwischenstation sein auf dem dann legalen Weg in die EU. Aber sind die 28 wirklich bereit, ihr jeweiliges Kontingent zu erfüllen? Zweifel sind angebracht.

Dabei ist die Erfüllung des Versprechens so etwas wie die Nagelprobe des Brüsseler Abkommens mit der Türkei. Falls das gelingt, wäre es ein Beleg dafür, dass Europa nicht das Asylrecht kippen, sondern es auch in der Flüchtlingskrise schützen will. Funktionieren kann es allerdings nur, wenn alle mitmachen. Heute werden die ersten Schiffe von Griechenland Richtung Bosporus ablegen. Dass zugleich Flugzeuge von der Türkei nach Europa starten, ist ein kleines Zeichen der Hoffnung darauf, dass Europa glaubwürdig bleibt.