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Assads Offensive in Syrien
Die letzte Rebellen-Bastion Idlib will nicht fallen

Beirut. (ap) Seit rund zwei Monaten fliegen syrische Regierungstruppen und ihre russischen Verbündeten Luftangriffe auf die Rebellenprovinz Idlib. Doch Präsident Baschar al-Assad kann kaum Erfolge verbuchen. Von Bassem Mroue

Trotz des schweren Bombardements gelangen seinen Truppen keine größeren Vorstöße gegen die mit Al-Qaida in Verbindung stehenden Extremisten und andere radikale Kämpfer, die Idlib beherrschen. Die Provinz ist das letzte bedeutende Gebiet in Syrien, das von Oppositionskräften gehalten wird. Der ins Stocken geratene Feldzug unterstreicht die Grenzen der Luftüberlegenheit Syriens und Russlands sowie deren Unvermögen, im achten Jahr des Konflikts einen endgültigen Sieg herbeizuführen.

Mit entscheidender militärischer Unterstützung durch Russland und Iran eroberten syrische Truppen in den vergangenen Jahren durch vernichtende Offensiven und lange Belagerungen die meisten anderen von der Opposition gehaltenen Gebiete des Landes zurück. Die Rebellen dort ergaben sich jeweils, oder sie wurden zwangsweise nach Idlib geschickt, wo sie nun festsitzen. Ihnen bleibt nur, bis zum Ende weiterzukämpfen.

Politisch spiegelt Idlib das kriegerische Tauziehen internationaler Akteure, die auf unterschiedlichen Seiten des Konflikts stehen. Eine im vergangenen September von Assads Verbündetem Russland und der Türkei, die die Rebellen unterstützt, vermittelte Waffenruhe brach am 30. April zusammen. Damals startete die syrische Regierung nach monatelangen Verstößen beider Seiten gegen die Waffenruhe ihre Offensive. Die Türkei, die drei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, befürchtet, dass eine ausgewachsene Regierungsoffensive einen neuen Ansturm von Flüchtlingen auf ihre Grenze auslösen könnte. Dennoch war Ankara nicht in der Lage – manche Beobachter sagen: nicht bereit – die von ihm unterstützten Rebellen in Idlib zu kontrollieren.



Ausschlaggebend ist, dass vom Iran unterstützte Kämpfer, darunter Mitglieder der libanesischen Hisbollah, sich dem Kampf um Idlib nicht angeschlossen haben. Ihre Teilnahme war in früheren Schlachten entscheidend. Doch Idlib hat für sie keine Priorität, anders als strategisch wichtigere Gebiete an der Grenze zu Irak und Libanon. Es gehe nicht um die Befreiung der Rebellenenklave, sondern um eine Veränderung der Gefechtslinien, antwortete Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah auf Fragen, warum seine Gruppe nicht an der Offensive teilnehme. „Die Syrer haben uns nicht aufgefordert, dass wir uns anschließen“, sagte er. Nicht einmal Russland hat sich mit aller Macht in den Kampf gestürzt und spricht weiter mit der Türkei darüber, wie die Waffenruhe erneuert werden könnte.

Laut einer Zählung der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seit dem 30. April 2443 Menschen getötet – 629 Zivilisten sowie 869 regierungstreue Kämpfer oder Soldaten und 945 Aufständische. Nach UN-Angaben wurden mehr als 330 000 Menschen durch die Kämpfe vertrieben. Viele von ihnen leben nun in überfüllten Zelten nahe der Grenze zur Türkei. Der Kampf könnte sich noch Monate hinziehen, sofern sich die Türkei, der Iran und Russland nicht auf ein neues Abkommen ähnlich der Waffenruhe vom vergangenen Jahr einigen. Die stockende Offensive könnte Russland dazu bringen, einen Deal mit der Türkei auszuhandeln. Der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalin sagte, Ankara plane einen Gipfel der Staats- und Regierungschefs der drei Länder im August. 

„Die bisherige Unfähigkeit des syrischen Militärs, in Idlib größere Fortschritte zu machen, bedeutet nicht, dass es letztlich keinen landesweiten Sieg erzielen kann“, sagt Experte Sam Heller von der Organisation International Crisis Group. „Es zeigt aber, dass sein militärischer Sieg von einer Politik abhängt, die größer als lediglich Syrien ist.“