| 00:28 Uhr

Anton Schlecker unter Verdacht

Stuttgart. Den Filialen seiner inzwischen untergegangenen Drogeriemarktkette soll Anton Schlecker gern unangemeldete Besuche abgestattet haben. Sieht die Auslage nett aus? Ist Staub gewischt? Der heute 67-Jährige herrschte in seinem Imperium zuweilen mit harter Hand

Stuttgart. Den Filialen seiner inzwischen untergegangenen Drogeriemarktkette soll Anton Schlecker gern unangemeldete Besuche abgestattet haben. Sieht die Auslage nett aus? Ist Staub gewischt? Der heute 67-Jährige herrschte in seinem Imperium zuweilen mit harter Hand. Schlechte Arbeitsbedingungen sind mit dem Image des Schwaben mindestens genauso verbunden wie der Nimbus des Selfmade-Manns, der es zu einem Milliardenvermögen brachte. Und wieder verlor.Nach der Schlecker-Pleite sind weitere Vorwürfe gegen den 67-Jährigen laut geworden. Von Untreue ist die Rede und auch von Insolvenzverschleppung. Nun hat die Staatsanwaltschaft den Unternehmer im Visier und hat ein Ermittlungsverfahren gegen ihn und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Ob Schlecker sich tatsächlich etwas zuschulden kommen ließ, ist aber noch unklar. Es geht um den Verdacht der Untreue, Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. 160 Ermittler durchsuchten gestern 18 Wohnungen und vier Geschäftsräume im ganzen Bundesgebiet. Bis zum Mittag wurden Polizeiangaben zufolge umfangreiche Unterlagen und Dateien sicher.

Privat weiß man nur wenig über den gelernten Metzgermeister aus Ulm. Er lebt zurückgezogen im kleinen Ort Ehingen und taucht kaum in der Öffentlichkeit auf. Interviews gab er nur selten, seit er 1975 den ersten Schlecker-Drogeriemarkt eröffnete und daraus einen Konzern machte, der in seinen Glanzzeiten mehr als 55 000 Menschen beschäftigte. Früher stand Schleckers Name regelmäßig auf den Listen deutscher Milliardäre.

"Anton Schlecker ist privat sympathisch, und ich erlebte ihn auch weit entfernt vom Image des bösen Unternehmers", sagte Konkurrent Dirk Roßmann, Gründer der gleichnamigen Drogeriemarktkette, kürzlich dem "Handelsblatt".



Die Öffentlichkeit kennt den Schwaben als Unternehmer, der Mitarbeiter entließ, um sie danach für weniger Geld in Subunternehmen einzustellen. Mit der Konkurrenz konnte seine Drogeriemarktkette seit Jahren nicht mehr mithalten. Diskretion oder Heimlichkeiten: Ins Vertrauen zieht Anton Schlecker nur einen sehr kleinen Kreis. Zu wichtigen Konferenzen versammelte er lediglich seine Frau Christa und seine beiden Kinder um sich - auf seine Familie konnte er bisher immer zählen.

"Wenn man im Freundeskreis Schlecker erwähnt, kommen häufig negative Assoziationen", sagte Sohn Lars einst dem "Manager Magazin" über seinen Vater. "Aber ich muss deutlich sagen: Er ist ein Geschäftsmann, kein Unmensch."

Das Ermittlungsverfahren hilft nun zumindest den Gläubigern, ihre Ansprüche durchzusetzen, denn es erleichtert das Vorgehen. Neben Lieferanten gehören zu den Gläubigern beispielsweise auch ehemalige Mitarbeiter. Daher begrüßt die Gewerkschaft Verdi die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Sie hofft auf Zahlungen an die entlassenen Mitarbeiter, die den Angaben nach noch Forderungen für ausstehende Löhne, Überstunden und Abfindungen an ihren alten Arbeitgeber haben. dpa

Auf einen Blick

Die Vorwürfe im Ermittlungsverfahren:

Insolvenzverschleppung: Dieser Straftatbestand (Paragraf 15a der Insolvenzordnung) besagt, dass im Falle einer Firmenpleite Geld- oder Freiheitsstrafen drohen, wenn die Insolvenz "nicht, nicht richtig oder nicht rechtzeitig" angezeigt wird. Bankrott: Wer bei Überschuldung oder bei drohender oder eingetretener Zahlungsunfähigkeit etwa Werte für die mögliche Insolvenzmasse zur Bedienung der Gläubiger verheimlicht, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft (Paragraf 283 Strafgesetzbuch).

Untreue: Kann laut Paragraf 266 im Strafgesetzbuch vorliegen, wenn jemand die Pflicht zur Betreuung eines Vermögens verletzt. dpa