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Innerer Schweinehund
Warum klimabewusstes Verhalten so schwerfällt

Berlin. Von Vanessa Köneke

Am Familientisch wird hitzig über Fleischkonsum diskutiert. In der Teeküche streiten sich Kollegen, ob Inlandsflüge noch okay sind. SUV-Fahrer stehen am Pranger. Hunderttausende demonstrieren auf den Straßen. Das Thema Klimaschutz treibt die Menschen in Deutschland um wie nie. Immer mehr wollen was tun. Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft auseinander. In einer Umfrage des Umweltbundesamtes (Uba) stuften zwei von drei Menschen in Deutschland Umwelt- und Klimaschutz als sehr wichtige Herausforderung ein. Der Klimaschutz toppte damit die Themen Sicherheit, Migration und Arbeitslosigkeit. „Der Stellenwert von Umwelt- und Klimaschutz hat zugenommen“, folgerte die Behörde. Die Bevölkerung sei bereit, eigene Beiträge zu leisten. Doch der Bereitschaft folgen nicht immer Taten.

Unter Psychologen ist diese Diskrepanz als „Attitude-Behaviour-Gap“ (Einstellungs-Verhaltens-Lücke) bekannt. Gleich mehrere psychologische Hürden stehen klimaschonendem Verhalten im Weg. Schon vor knapp 30 Jahren entwickelte der US-amerikanische Sozialpsychologe Icek Ajzen die sogenannte Theorie des geplanten Verhaltens. Die Theorie nennt Gründe, warum aus einer Einstellung nicht unbedingt das entsprechende Verhalten folgt. Demnach können sogenannte subjektive Normen einen Menschen bremsen. Dabei geht es um erwartete Reaktionen der Umwelt. Halten mich Freunde und Familie für einen Ökofreak, wenn ich verpackungsfrei einkaufe oder ein Lastenrad leihe, um das Auto stehen zu lassen? Solche Gedanken prägen das Verhalten mit.

Beim Klimaschutz kommt hinzu, dass das Problem so groß erscheint, dass die eigenen Maßnahmen als wirkungslos wahrgenommen werden. Zudem gibt es den Gedanken: „Wenn nur ich mich einschränke und die anderen nicht, bin ich der Dumme.“ Solche Gedanken wirken, auch wenn klar ist, dass im Kampf gegen Klimaerwärmung jeder gefragt ist.



Für Psychologen ist auch entscheidend, ob ein Verhalten überhaupt machbar erscheint. In der Theorie des geplanten Verhaltens wird das als wahrgenommene Verhaltenskontrolle bezeichnet. Gibt es in einer Region keinen öffentlichen Nahverkehr und ist man nicht gesund genug zum Radfahren, bleibt manchmal nur das Auto. Dabei gibt es nicht nur objektive Hürden: Wer hat schon die Kraft und das Geld, um immer ein perfekter Umweltschützer zu sein? Nicht zuletzt die Zeit spielt eine große Rolle. Gegenüber dem Umweltbundesamt begründeten die meisten regelmäßigen Autofahrer ihre Fahrten mit Zeitersparnis.

Manchmal sind andere Dinge für Menschen schlicht wichtiger als Klimaschutz. Scheint der Schulweg des Kindes mit dem Rad zu gefährlich, tendieren Eltern trotz Abgasen zum Auto. Lebt die große Liebe in Übersee, dürfte selbst ein engagierter Klimaschützer in den Flieger steigen. Oft überwiegen auch kurzfristige Bedürfnisse. „Das menschliche Hirn konzentriert sich seit Jahrtausenden auf Alles, was uns hier und jetzt bedrohlich erscheint, nicht irgendwann“, sagt der Göttinger Psychologe Borwin Bandelow. Nicht zuletzt spielt Gewohnheit eine große Rolle, meint der Umweltpsychologe Robert Gifford: „Gewohnheiten mögen nicht die glamouröse Hürde sein, aber vielleicht die wichtigste für die Linderung der Klimawandelfolgen.“

Aber was kann man tun, um den inneren Schweinehund beim Thema Klimaschutz zu überwinden? Marcel Hunecke, Umweltpsychologe an der Fachhochschule Dortmund, empfiehlt, zunächst kleine Schritte zu machen. „Man muss positive Erfahrungen sammeln. Als reines Verzichtsprogramm wird das nicht funktionieren“, sagt Hunecke. Außerdem könnten Motiv-Allianzen helfen. Sinnvoll sei, Klimaschutz mit anderen positiven Effekten wie Gesundheit oder Lebensqualität zu verbinden.