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Sorge vor Not im Ruhestand
Die Deutschen und ihre Furcht vor Altersarmut

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Kommt die Rede auf den Ruhestand, sehen die meisten Deutschen schwarz. Das hat eine Untersuchung der Bertelmann-Stiftung gerade erst wieder bestätigt: Zwei von drei Bundesbürgern verbinden mit dem Älterwerden vor allem eine grassierende Altersarmut. Doch wie entstehen eigentlich solche kollektiven Befürchtungen, wo derzeit doch nur etwa drei Prozent der Rentner von staatlicher Stütze leben und die Ruheständler insgesamt zu den am wenigsten sozial gefährdeten Bevölkerungsgruppen im Land zählen?

Ein Teil der Erklärung besteht sicher darin, dass die Armutsdebatte häufig von schrillem Alarmismus bestimmt wird. Erinnert sei nur an einen Bericht des Westdeutschen Rundfunks vor zwei Jahren. Damals wurde die Nation mit der Botschaft aufgeschreckt, dass jedem zweiten Rentner (!) von 2030 an die Altersarmut drohe. Der Befund war schlicht aus der Luft gegriffen, weil er mit grundfalschen Annahmen operierte, aber er war in der Welt. Und Spitzenpolitiker wie Horst Seehofer oder Andrea Nahles stellten sich gar noch an die Spitze der Bewegung, indem sie Abhilfe durch eine Stabilisierung des Rentenniveaus versprachen.

Dabei ist die Höhe des Rentenniveaus genauso wenig ein schlüssiger Indikator für ein gutes Auskommen im Alter wie der allgemeine Gradmesser, wonach die Armut bei weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens beginnt. Steigen nämlich die Gehälter der oberen Schichten, rutschen Normalverdiener automatisch unter diese Marke, obwohl sich an ihren Einkommensverhältnissen nichts geändert hat. Das Rentenniveau von derzeit 48 Prozent wiederum ist nur ein statistisches Konstrukt und sagt nichts über die Höhe der individuellen Rente aus. Eine weitere fragwürdige Prämisse in der Armutsdebatte ist auch, dass scheinbar nur die gesetzliche Rente auschlaggebend für den Lebensabend ist. Dabei trägt sie bezogen auf alle Rentner nur zu weniger als zwei Drittel der Alterseinkünfte bei. Hinzu kommen häufig Betriebsrenten oder private Vorsorgeleistungen. Gleichwohl gilt: Für viele Ruheständler werden die gesetzlichen Altersbezüge auch künftig die zentrale Einkommensquelle bleiben. Aber Schwarzmalerei ist unangebracht. Mit der frühzeitigen Entscheidung, das reguläre Renteneintrittsalter in kleinen Schritten auf 67 Jahre zu erhöhen, hat die Bundespolitik auf die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft angemessen reagiert. Und ausweislich der aktuellen Bertelsmann-Studie stößt dieser Weg auch zunehmend auf Akzeptanz.

Um den Trend zu fördern, braucht es neue Arbeitskonzepte für ältere Beschäftigte. Breit angelegte Umschulungen für weniger belastende Tätigkeiten wären eine Möglichkeit. Und vielleicht wird man wegen des technischen Fortschritts irgendwann doch noch Sozialbeiträge auf Computer oder Roboter erheben müssen, weil sie den Menschen zunehmend ersetzen. Oder auf Aktieneinkünfte. Panik ist jedenfalls ein schlechter Ratgeber, um solche Herausforderungen zu meistern.