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George H. W. Bush
Der Mann, der nicht auf der Mauer tanzen wollte

George H.W. Bush war von 1989 bis 1993 US-Präsident. Am Freitag starb er mit 94 Jahren.
George H.W. Bush war von 1989 bis 1993 US-Präsident. Am Freitag starb er mit 94 Jahren. FOTO: dpa / Lawrence Jackson
Washington. (PM/dpa) Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, legte George Herbert Walker Bush Wert darauf, nur ja nicht in Jubel auszubrechen. Dies sei doch ein glänzender Sieg für den Westen, „Sie aber scheinen in keiner Weise begeistert“, beobachtete Lesley Stahl, eine Reporterin des Senders CBS News. Von Frank Herrmann

„Ich bin nun mal kein emotionaler Typ“, erwiderte der US-Präsident. „Nun, wie begeistert sind Sie?“ „Ich bin sehr zufrieden.“

In dieser Woche nehmen die Amerikaner Abschied von einem Mann, der so eindeutig für die nüchtern realpolitische Schule stand wie kaum ein anderer ihrer Präsidenten. Als die Welt Feuer fing, habe er mit einer Kühle agiert, die ihn bisweilen wie ein unbeteiligter Zuschauer wirken ließ, blendet Jon Meacham zurück, der Autor der aktuellsten Bush-Biografie.

Der Tod des 94-Jährigen am vergangenen Freitag markiert das Ende einer Ära. Bush war der letzte US-Präsident, der während des Kalten Krieges, wenn auch in dessen Endphase, im Oval Office residierte. Er war der letzte, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Vor allem aber, betont Meacham, war er der letzte Patrizier im Weißen Haus, ein Privilegierter aus besseren Kreisen, der den Grundsatz des noblesse oblige ernst nahm. Von seinem Vater Prescott, einem Wall-Street-Banker, der später Senator wurde, erbte Bush die Überzeugung, dass sich mithilfe persönlicher Beziehungen vieles regeln ließ, quasi unter Gentlemen bei einem Whiskey. Immer vorausgesetzt, man ließ den anderen das Gesicht wahren.



Seine Amtszeit von Januar 1989 bis Januar 1993 war von historischen Umwälzungen geprägt: dem Mauerfall, der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Er aber unterließ alles, was nach Triumphgeheul hätte klingen können. Nichts sollte den Reformer Michail Gorbatschow in Verlegenheit bringen, nichts die Generäle in Moskau veranlassen, doch noch Panzer rollen zu lassen. Er werde „nicht auf der Mauer tanzen“, brachte es Bush auf einen markanten Satz.

Während Margaret Thatcher die deutsche Vereinigung vehement ablehnte, half Bush mit besonnener Diplomatie die Weichen zu stellen. Nun würden sich die Deutschen in Friedenszeiten holen, was Hitler im Krieg nicht erreicht habe, warnte die argwöhnische Britin. Der Amerikaner sah es deutlich gelassener. Er sei zwar nicht naiv, was Geschichte angehe, nur glaube er nicht, dass die Geschichte und die beiden Weltkriege Deutschlands künftiges Schicksal bestimmen sollten, notierte er im Februar 1990. Es sei beleidigend, den Deutschen zu unterstellen, sie würden die Demokratie aufgeben und eine Art neuen Hitler zulassen, wenn sie erst vereinigt seien. Zugleich stellte Bush klar, dass ein geeintes Deutschland eingebettet sein müsse in ein geeintes Europa. Allein schon, um den Nachbarn die Angst vor einem übermächtigen Koloss in der Mitte des Kontinents zu nehmen.

Kein Wunder, dass deutsche Politiker den verstorbenen Ex-Präsidenten am Wochenende in höchsten Tönen loben. So schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Kondolenzschreiben an US-Präsident Trump über Bush: „Deutschland wird sich an sein unbeirrtes Eintreten für die deutsche Wiedervereinigung immer in tiefer Dankbarkeit erinnern. Ohne das Vertrauen und die Freundschaft der Vereinigten Staaten und ihres Präsidenten wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen.“