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Berufsbegleitendes Studium
Spagat zwischen Studium und Beruf

Nach der Arbeit noch in die Bibliothek? Wer berufsbegleitend studiert, muss eine solche Doppelbelastung aushalten können.
Nach der Arbeit noch in die Bibliothek? Wer berufsbegleitend studiert, muss eine solche Doppelbelastung aushalten können. FOTO: Markus Scholz / dpa-tmn
Hamburg. Neben seinem Job noch einen Bachelor- oder Masterabschluss zu machen, ist harte Arbeit. Doch die lohnt sich oft. Von Peter Neitzsch

Nach dem Abitur wollte Tobias Klatte sofort ins Berufsleben starten. Deshalb entschied er sich für eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann – und dazu, nebenbei zu studieren. Von nun an ging der Azubi an drei Abenden in der Woche zu den Vorlesungen. Während seine Freunde feierten oder es sich auf der Couch gemütlich machten, büffelte Klatte für seinen Bachelorabschluss in der Betriebswirtschaftslehre.

„Im Grunde ist das eine Dreifach-Belastung aus Studium, Job und Privatleben“, erzählt der heute 28-Jährige. Doch das habe ihn nicht davon abgehalten, auch noch seinen Master neben dem Beruf zu machen. An der FOM Hochschule für Oekonomie und Management in Hamburg studiert Klatte jetzt Personalwesen. Die Vorlesungen finden alle zwei Wochen statt, jeweils von Donnerstag bis Samstag. Ein System, das ihm mehr liegt als ein reines Abendstudium: „So kann ich mich intensiver auf das Thema vorbereiten.“ Auch für Prüfungen muss er sich nicht extra frei nehmen.

Mit 46 000 Studenten ist die FOM die größte private Hochschule Deutschlands. Sie hat sich ganz auf Berufstätige spezialisiert. „Wer bereits arbeitet, möchte in der Regel nicht seinen Beruf und damit sein Einkommen aufgeben, um zu studieren“, erklärt Professor Burghard Hermeier, der Rektor der Hochschule.



Um Job und Studium unter einen Hut zu bringen, gibt es verschiedene Modelle. Viele Angebote setzen auf das sogenannte Blended Learning, eine Kombination aus Präsenz- und Fernstudium. Welche Studienform zum eigenen Lernstil passt, ist letztlich aber auch eine Typfrage.

Auch die FOM setzt auf einen Mix aus Online-Service und Unterricht vor Ort: „Die Präsenzlehre ist für uns der Dreh- und Angelpunkt des Studiums“, sagt Hermeier. Sie ermöglicht den Austausch mit Dozenten und Kommilitonen, die oft selbst bereits über Berufserfahrung in ihrem Gebiet verfügen. „Unsere Studenten wollen ja gerade praxisbezogenes Wissen und keine reine Theorie.“

Rund zwei Prozent der Studenten in Deutschland studieren berufsbegleitend. „Darunter fallen jedoch nur Studienangebote, die speziell auf Berufstätige zugeschnitten sind“, erklärt Sigrun Nickel, Leiterin des Bereichs Hochschulforschung beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Hinzu kommen noch Teilzeitstudiengänge oder das duale Studium, das in eine praktische Ausbildung im Betrieb integriert ist. Manche erwerben ihren ersten akademischen Titel berufsbegleitend – oft direkt im Anschluss an eine betriebliche Ausbildung. Andere legen noch einen berufsbegleitenden Master drauf. Die meisten Angebote gibt es im Bereich Betriebswirtschaft, zunehmend auch bei Gesundheitsberufen oder in der sozialen Arbeit.

„Das berufsbegleitende Studium geht überwiegend auf die Privatinitiative der Studenten zurück“, erzählt Hermeier. Manche würden ihrem Chef erst gar nichts davon erzählen, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Dennoch rät der Hochschullehrer dazu, die Firma frühzeitig in die Pläne einzubeziehen. „Das wird in der Regel sehr positiv aufgenommen.“ Oft unterstütze der Arbeitgeber das Vorhaben – etwa indem er dem Mitarbeiter vor wichtigen Prüfungen freigebe. Eher selten übernimmt die Firma sogar einen Teil der Studiengebühren.

Auch Klatte hat über sein Studienvorhaben mit dem Arbeitgeber gesprochen. Eine richtige Entscheidung: Nun bekommt er für das Studium zehn Tage zusätzlichen Bildungsurlaub im Jahr. Außerdem schießt der Arbeitgeber etwas mehr als 2000 Euro zu den Studienkosten zu – abhängig von den Noten, die Klatte schreibt. Rund 350 Euro Gebühren zahlt der Student jeden Monat an die FOM, für das gesamte Studium sind es rund 12 000 Euro. „Aber einen Teil davon kann man sich ja auch von der Steuer zurückholen.“ Denn wer berufsbegleitend studiert, kann das als Weiterbildungskosten absetzen.

„Berufsbegleitende Studiengänge sind in der Regel kostenpflichtig“, bestätigt Nickel. Meist erhebt die Hochschule die Gebühren für einzelne Module; die Studienordnung regelt dann, wie viele Module für den Abschluss nötig sind. „15 000 Euro für ein berufsbegleitendes Studium sind da keine Seltenheit.“ Hinzu kommt: Wer einem Beruf nachgeht und nur nebenbei studiert, hat keinen Anspruch auf Bafög. Auch Studienkredite richten sich nicht an berufstätige Studenten. Mit einem schlecht bezahlten Job ist das berufsbegleitende Studium daher oft nicht möglich.

Trotz der Mehrfachbelastung brechen nur wenige das berufsbegleitende Studium ab. „Viele treffen die Entscheidung sehr bewusst und wissen auch, was da auf sie zukommt“, erzählt Nickel. Außerdem sind bei einem Abbruch auch die bereits angefallenen Studiengebühren verloren. An der FOM schließen 80 Prozent das Studium erfolgreich ab. Das heißt aber auch: Jeder Fünfte bewältigt das Pensum nicht. „Teilweise liegt das an der fehlenden fachlichen Eignung, aber oft auch am Zeitmanagement“, sagt Hermeier. Knapp 20 Stunden pro Woche sollten Studenten für das Studium einplanen – etwa die Hälfte davon für die Präsenzphasen.

Im Job voranzukommen, ist ein Grund für ein berufsbegleitendes Studium. „Doch mindestens ebenso wichtig ist es vielen Studenten, sich persönlich weiterzuentwickeln“, sagt Nickel. Da es keine Absolventenstudien speziell für das Studium neben dem Beruf gibt, lässt sich nicht klar sagen, ob sich die Investition für den Einzelnen immer rechnet. Fest steht aber: In Hochschulbildung zu investieren, lohnt sich oft. So verdienen Akademiker nicht nur besser, auch die Arbeitslosenquote ist sehr viel niedriger.