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Nicht zu früh ein eigenes Gerät
Wann Kinder reif für ein Smartphone sind

 Kinder dürfen nicht stundenlang unbeaufsichtigt an ihren Smartphones und Tablet-Computern sitzen, sagen deutsche Kinderärzte. Eltern müssten ein Auge auf ihren Nachwuchs haben.
Kinder dürfen nicht stundenlang unbeaufsichtigt an ihren Smartphones und Tablet-Computern sitzen, sagen deutsche Kinderärzte. Eltern müssten ein Auge auf ihren Nachwuchs haben. FOTO: dpa / Georg Wendt
Köln/Berlin. Smartphone- und Tablet-Nutzer werden immer jünger. Eltern müssen ein Auge auf ihren Nachwuchs haben, mahnen Kinderärzte. Von Martin Trappen

Kinder, die viel Zeit am Smartphone verbringen, sind schlechter in der Schule, warnt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Kinder, die mit der Reizüberflutung nicht klarkommen, litten häufiger unter Konzentrationsstörungen und schliefen schlechter. Frühestens im Alter ab acht Jahren seien sie in der Lage, diese Geräte ohne Aufsicht zu nutzen. Er ruft deshalb alle Eltern auf, kleine Kinder niemals unbeaufsichtigt mit den Taschencomputern spielen zu lassen. „Es gibt sicher viele Eltern, die ein Auge darauf haben, was ihre Kinder am Smartphone machen“, sagt Fischbach. „Aber es gibt auch viele Familien, in denen das nicht so ist. Dann lassen Eltern ihre Kinder stundenlang vor den Geräten sitzen und kontrollieren auch nicht, welche Videos sie sich ansehen und welche Spiele sie spielen.“ Er nennt ein Extrembeispiel einer Familie mit zwei Kleinkindern. Jedes der beiden Kinder habe bereits einen eigenen Tablet-Computer und nutze die Geräte sogar am Esstisch.

Wer viel Zeit am Bildschirm verbringe, habe weniger Zeit für reale Kontakte, so Fischbach. Schwerwiegender seien jedoch die gesundheitlichen Folgen. „Oft bringen Eltern ihre Kinder mit Verdacht auf ADHS in meine Praxis. Bei der Untersuchung stellt sich dann heraus, die Kinder leiden an Konzentrationsstörungen, verursacht durch erhöhten Medienkonsum. Oft kommen durch die Reizüberflutung auch Schlafstörungen hinzu“, erläutert Fischbach. Durch den Bewegungsmangel führe die Smartphone-Nutzung oft auch zu Übergewicht.

Immer mehr Kinder und Jugendliche besitzen ein eigenes Smartphone, auch schon in sehr jungen Jahren. Laut einer Erhebung des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest besaß im Jahr 2018 mit 95 bis 97 Prozent praktisch jeder Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren ein Smartphone. Einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom zufolge nutzt mehr als jedes zweite Kind zwischen sechs und sieben Jahren zumindest ab und zu ein Smartphone, vor fünf Jahren war es erst jedes fünfte. Tablet-Computer nutzen acht von zehn der Sechs- bis Siebenjährigen, bei Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren sind es 53 Prozent.



Unabhängig vom Gerät machen die meisten Kinder schon früh ihre ersten Schritte im Internet. Von den Sechs- bis Siebenjährigen nutzen bereits 40 Prozent zumindest gelegentlich das Internet. Ab zwölf Jahren sind dann fast alle (97 Prozent) online. Dass Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit im Internet verbringen, hat auch eine Erhebung des Hamburger Leibniz-Instituts für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut) und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, gezeigt. Wie aus der Umfrage hervorgeht, sind Kinder und Jugendliche zwischen neun und 17 Jahren im Durchschnitt knapp zweieinhalb Stunden täglich im Netz, am Wochenende sogar drei Stunden.

Wann sollte ein Kind frühestens ein Smartphone haben? Fischbach will keine pauschale Altersempfehlung nennen. Er gibt jedoch zu bedenken, dass ein Kind in jedem Alter bestimmte Fähigkeiten lernen müsse. Diesen Lernprozess könnte ein erhöhter Medienkonsum stören. „Manche Eltern glauben zum Beispiel, ihr Kind könnte sprechen lernen, wenn es sich Videos auf einem Smartphone oder Tablet ansieht. Das ist Unsinn“, so Fischbach. Ein Kind müsse dem Umgang mit einem so komplexen Gerät zuerst einmal lernen und verstehen sowie mit der medialen Reizüberflutung klarkommen. Das könne ein Kind zwischen sieben und acht Jahren noch nicht leisten, sagt der Kinderarzt.

Vor allem die Eltern über die schädliche Wirkung von exzessiver Smartphone- und Tablet-Nutzung aufzuklären, sieht Fischbach als wichtigen ersten Schritt an. „Wir Kinderärzte sind immer bemüht, den Eltern klarzumachen, wie wichtig es ist, dass Kinder die Geräte nicht zu lange und nicht falsch nutzen.“ Auch die Bundeszentrale für politische Aufklärung und die Bundesregierung sieht er in der Pflicht, zur Aufklärung der Eltern beizutragen. Doch auch die Kitas, Kindergärten und Schulen müssten den richtigen Umgang mit Smartphone und Co. lehren. „Die Erzieher und Lehrer müssen die richtige Mediennutzung mit den Kindern thematisieren. Wenn die Kinder selbst verstanden haben, wie sie die Geräte richtig nutzen, ist schon ein großer Schritt zur Lösung des Problems getan.“ Verbote hält Fischbach nicht für sinnvoll und in der heutigen medial geprägten Welt auch kaum für realistisch. Allen voran rät er Eltern, ihre Kinder bei der Nutzung von Smartphone und Tablet zu begleiten und sie Schritt für Schritt an die Geräte heranzuführen.

Ein eigenes Smartphone sollten Kinder erst zwischen elf und zwölf Jahren, wenn sie schon genug Erfahrung und Reife besitzen, mit den vielen Funktionen verantwortungsvoll umzugehen, empfiehlt die Initiative „Schau Hin“. Besonders zu Beginn sei es wichtig, dass Eltern die Sicherheitseinstellungen des Geräts im Blick haben. Kinder sollten jedoch von Anfang an einbezogen und eingeweiht werden, erklärt die Initiative. So seien sie zum einen informiert, wenn Eltern gewisse Anwendungen oder Seiten sperrten, und lernten gleichzeitig, welche Einstellungen sinnvoll und wichtig sind. Am besten werde Sicherheit schon thematisiert, wenn Kinder das Smartphone der Eltern zum Spielen oder Surfen nutzen.

Kinder müssen laut „Schau Hin!“ auch wissen, wie sie sich vor Risiken schützen und mit Gefahren umgehen. Innerhalb verschiedener Apps bedeutet das, zu wissen, wie man andere Nutzer blockiert, ignoriert oder meldet. Kinder und Jugendliche sollten sich sicher fühlen, Eltern oder (erwachsenen) Vertrauenspersonen digitale Erlebnisse mitzuteilen und sich im Ernstfall immer auch an sie wenden zu können.

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