| 23:37 Uhr

Leitartikel
Facebook braucht dringend einen neuen Chef

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die Enthüllung, dass fast 50 Millionen Facebook-Nutzerkonten von Hackern besucht wurden, die dann auf Wunsch persönliche Daten einsehen konnten, ist die vorerst letzte Peinlichkeit in einer Reihe von Skandalen. Von Friedemann Diederichs

Besonders beunruhigend: Mark Zuckerberg und der Rest der Facebook-Mannschaft wurden offenbar so kalt erwischt, dass sie noch nicht einmal wissen, ob eines der gehackten Konten von den Übeltätern benutzt worden ist – und wer die Daten-Gangster sind. Wie schon zuvor scheint nicht Expertise, sondern Hilflosigkeit den Internet-Giganten zu regieren.

Dieses Fazit drängte sich bereits bei den vorausgegangen Daten-Pannen auf. Dass sich die Firma Cambridge Analytica im Auftrag der US-Republikaner massenhaft private Informationen sichern konnte, Facebook in seine bisher schwerste Krise. Zuckerberg musste sich vor dem US-Kongress und dem EU-Parlament erklären, er gestand zwar Fehler ein, wirkte insgesamt aber hilflos und überfordert. Hinzu kommt, dass die Plattform seit langem wegen der Verbreitung von „fake news“ und zweifelhafter russischer Aktivitäten im Zuge des Wahlsiegs von Donald Trump massiv in der Kritik steht.

Doch obwohl sich auch der politische Druck auf Facebook erhöht hat, gab es keine sichtbaren personellen Konsequenzen auf das offensichtliche Versagen. Zuckerberg ist weiter der „König“ des sozialen Netzwerks, die Nummer zwei ist immer noch Sheryl Sandberg, die mehr Zeit mit Buchprojekten als der Führung des Konzerns zu verbringen scheint. Darüber hinaus gibt es einen engen Freundeskreis der beiden, der keine Erneuerung in den Hierarchien zu erlauben scheint. Was zeigt: Die Dauer-Probleme von Facebook werden sich nur lösen lassen, wenn frisches Blut von außen die Herausforderungen proaktiv angeht. Zeit für Zuckerberg und Sandberg, sich aus dem aktiven Management zu verabschieden.



Wie problematisch ein Verharren in alten Führungsstrukturen ist, zeigt gerade das Beispiel Tesla und Elon Musk. Zwar hat sich die US-Börsenaufsicht nun mit dem Marihuana-Freund Musk darauf geeinigt, die Strafe für dessen die Anleger täuschende Privatisierungs-Meldung auf Twitter recht milde ausfallen und ihn sogar weiter als Vorstandschef arbeiten zu lassen. Doch der Schaden ist angerichtet: Der Elektrowagenbauer gilt nun als Konzern mit einem unberechenbaren Chef, der sich zudem auf zahlreiche Zivilklagen von Investoren einstellen muss.

Auch bei Facebook hat sich die schwache Arbeit von Zuckerberg und Sandberg im Aktienkurs niedergeschlagen – und könnte zu einem deutlichen Nutzerrückgang führen, wenn die Skandalserie anhält. Auf EU-Ebene erscheint es dringend notwendig, dass einmal geprüft wird, wie die Rechte der Facebook-„Freunde“ besser geschützt werden können – vor allem, was den anhaltenden Datenmissbrauch angeht. Aber auch die jetzt von der CSU wieder geforderte Zerschlagung wäre ein guter Weckruf für die Schläfer im kalifornischen Menlo Park.