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Leitartikel
Das Weltkulturerbe braucht mehr als Wachstum

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Wer stehen bleibt, wird überholt. Der Unternehmer-Spruch gilt auch für Kulturinstitutionen, und dem Chef des Völklinger Weltkulturerbes steckt er offensichtlich in den Genen. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Denn seit Meinrad Maria Grewenig das Industriedenkmal managt, das ist seit 1999, hat sich die Zahl der für Besucher geöffneten Gebäude kontinuierlich erhöht. Jetzt steht wieder ein Wachstumsschub an, es könnte der letzte sein. Denn schon vor Jahren trat der Landesrechnungshof in Sachen Erweiterung auf die Bremse. Freilich ist das Grewenigs Sache nicht, er hält sich ungern an „Masterpläne“. Gottseidank. Denn sonst gäbe es das nicht, was jetzt ansteht, den Umbau des Wasserhochbehälters zum zentralen Haupteingang. Man hätte sicher auch den bereits vorhandenen Eingang am Völklinger Platz ertüchtigen können. Jedoch nur, wenn man sich vorsätzlich den Vorteilen der Wasserhochbehälter-Lösung verschließt. Die Fußläufigkeit zum Haupt-Parkgelände ist ein wichtiges Argument, der Wow-.Effekt dieser Industriekultur-Trutzburg das eigentlich schlagende.

Zudem spricht einiges dafür, dass das Foyer nur der Einstieg ist, um später das gesamte Bauwerk in Besitz zu nehmen. Die Pano­rama-Räume im Obergeschoss des Wasserhochbehälters gehören zum Aufregendsten, was das Hütten-Areal zu bieten hat. Es wären fabelhafte Ausstellungsräume. Finanziert ist dies alles nicht. Doch solcherart Ideen sind nicht vermessen, sondern sie sind einem Unesco-Denkmal, das sich international messen lassen soll, adäquat. Überhaupt steht dieses Projekt für das „Weltkulturerbe 3.0“. Denn es sorgt für eine Metamorphose des gesamten Umfeldes hinter der Gebläsehalle, das seine Schmuddelkind- Anmutung verlieren wird. Die alte Hütte erhält an dieser Ecke erstmals die Chance, eine kostenfrei erlebbare Freiluft-„Location“ zu werden.

 Wenn man es denn richtig anstellt. Was heißt, weiterzudenken als bis zum letzten Cent der jetzt kalkulierten rund 7,5 Millionen Euro. Was offiziell nicht einmal Grewenig wagt, weil er derzeit einen Anschlussvertrag verhandelt. Nicht alles ist Gold, was dieser Mann serviert, er selbst und sein Veranstaltungsprogramm polarisieren. Die Politik sollte allerdings wissen, dass es Grewenigs Dreistigkeit in finanziellen Dingen und seine Furchtlosigkeit waren, die das „Völklinger Wunder“ mit ermöglichten: Das Symbol des Niedergangs wird heute als „Touristenmagnet“ gefeiert.



Diesen Status scheint der neue Industriekultur-Verantwortliche im Land, Kultusminister Ulrich Commercon (SPD), als Selbstverständlichkeit zu erachten. Denn seinen „Leitlinien der Industriekultur“, vor der Sommerpause im Kabinett verabschiedet, lassen sich nur Unverbindlichkeiten zum Weltkulturerbe entnehmen. Kein einziger Fingerzeig geht in die nahe Zukunft, in die Ära, da der Bund keine Millionen mehr zuschießt, weil das Denkmal komplett aussaniert ist. Attraktiver machen über Wachstum hat dann als Zukunftsstrategie ausgedient. Die alte Hütte braucht innovative Konzepte, aber die Leitlinien schweigen dazu. Das ist ein schlechter politischer Witz.