| 23:08 Uhr

Millionen offene Stellen
Warum auf dem Arbeitsmarkt nicht alles gut ist

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Dem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland droht langsam die Luft auszugehen. Nicht etwa, weil Betriebe über leere Auftragsbücher klagen. Ganz im Gegenteil. Von Stefan Vetter

Vielerorts findet sich keiner mehr, der die Aufträge erledigen könnte. Zwar stellte Detlef Schele, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, gestern klar: Beim Arbeitsmarkt muss man sich zumindest für die kommenden Monate keine Sorgen machen. Allerdings: Gut 1,2 Millionen Jobs in Deutschland sind derzeit unbesetzt. Das Problem dürfte es bei offiziell noch immer mehr als 2,3 Millionen Arbeitssuchenden gar nicht geben. Macht pro freie Stelle rein rechnerisch beinahe zwei potenzielle Anwärter. Aber so einfach ist es eben nicht.

Es gab Zeiten, da konnten Unternehmen gewissermaßen aus dem Vollen schöpfen. Den Lehrstellenangeboten standen deutlich mehr Bewerber gegenüber. Da ließ sich bestens auswählen. Gut war oft nicht gut genug. Aber diese Zeiten kommen so bald nicht wieder. Allein schon aus demografischen Gründen. Denn es scheiden auch immer mehr ältere Beschäftigte aus dem Berufsleben aus. Das Problem ist also gleich ein Doppeltes.

Wirtschaft und Politik haben dieses Problem lange ignoriert. In den Betrieben herrschte der Jugendwahn. Ältere wurden zum Teil mit einem goldenen Handschlag aufs Altenteil verabschiedet. Und selbst als klar war, dass es so nicht mehr weiter gehen kann, ersann die große Koalition noch die abschlagsfreie Rente mit 63. So verabschiedeten sich zusätzlich Fachkräfte in den Ruhestand, von denen viele ansonsten wohl weitergearbeitet hätten.



Umso besser müssen nun die verbliebenen Potenziale ausgeschöpft werden. Und da ist man keineswegs am Nullpunkt. Viele Firmen nehmen dringend notwendige Nachqualifizierungen ihres Personals selbst in die Hand. Auch für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt es häufig schon gute betriebsinterne Lösungen. Und es wäre sicher auch kein Fehler, wenn die Orientierung an den Schulen künftig stärker auf Handwerksberufe ausgerichtet wäre als auf Hochschulabschlüsse. Denn auch im Handwerk lässt sich häufig ganz ordentlich verdienen. Jedenfalls kommt es nicht von ungefähr, dass ausweislich der aktuellen Statistik vor allem Kleinbetriebe die größten Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung haben. Die Politik muss die Wirtschaft hier deutlich mehr unterstützen. Angefangen von der Förderung der Qualifizierung bis hin zu einem Einwanderungsgesetz für Fachkräfte.

Und die Langzeitarbeitslosen? Die große Koalition hat zumindest erkannt, dass kurzatmige Programme zur Widereingliederung von Langzeitarbeitslosen ein Irrweg sind. Stattdessen soll nun über vier Jahre ein so genannter sozialer Arbeitsmarkt entstehen. Der Rekordstand bei den freien Stellen macht allerdings deutlich, dass es dabei nicht nur um Sozialtherapie gehen kann. Gradmesser auch für Langzeitarbeitslose muss ihre Befähigung zu einer ungeförderten Beschäftigung sein. Das ist sicher kein Allheilmittel zur Lösung der Personalprobleme. Aber etwas lindern könnte man sie damit schon.