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Hysterie in Europa
Warum wir Trump nicht wirklich fürchten müssen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Nichts fürchten die Deutschen angeblich so wie die Politik von Donald Trump, zeigen Umfragen. Die Entwicklung der letzten Tage und Wochen, die fragwürdige Haltung des US-Präsidenten gegenüber Saudi-Arabien, die verzweifelte Suche nach einem neuen Stabschef, die trotzigen Tweets angesichts wachsender rechtlicher Probleme könnten sie darin bestätigen. Von Friedemann Diederichs

Das ändert aber im Grundsatz nichts an Tatsachen, die angesichts einer gewissen Anti-Trump-Hysterie in Europa kaum wahrgenommen werden. Donald Trump ist – nimmt man seine Entscheidungen und nicht sein persönliches Verhalten zum Maßstab – weit weniger eine Bedrohung für den Frieden und die internationale Stabilität als beispielsweise Kim Jong Un, Wladimir Putin oder das Regime im Iran.

Zum einen ist Trump in erster Linie ein Geschäftsmann, der Politik durch die Linse des „Dealers“ sieht, dessen Hauptargumente für ein erfolgreiches Agieren in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind. Vier Millionen neue Jobs seit Amtsantritt, Rekordbeschäftigung auch für Afro-Amerikaner und Latinos, hohes Wachstum. Warum sollte der Präsident diese Werte, mit denen er so gerne wirbt, durch eine wagemutige und kriegerische Sicherheitspolitik gefährden? Hinzu kommt: Die US-Truppen möchte er aus Syrien so schnell wie möglich abziehen. Mit Diktator Kim Jong Un hat er eine Denuklearisierung Nordkoreas vereinbart. Auch wenn der Teufel wie so oft im Detail liegt:  Das ist nicht wirklich zum Fürchten.

Trump wird auch nach dem Ausscheiden von Stabschef John Kelly von Erwachsenen umgeben sein. Selbst wenn man – wie das Enthüllungsbuch von Bob Woodward nahelegt – dem Präsidenten mangelnde Intelligenz, Unkenntnis politischer Zusammenhänge und jede Menge moralische Defizite attestiert: Es gibt immer noch erfahrene Minister, die auch eine Kontrollfunktion haben. Und dann ist jene „Widerstandsbewegung“ im Weißen Haus, die nach einem Beitrag in der „New York Times“ politisch unerwünschte Maßnahmen des US-Präsidenten zu entschärfen versucht. Von der neuen demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus ganz zu schweigen.



Die Erfahrung zeigt auch: Trump bellt, aber beißt oft nicht. Aus seiner Zeit als Immobilien-Jongleur stammt die Angewohnheit, Gegnern oft massiv und rüde zu drohen, um Vorteile zu gewinnen – siehe beispielsweise die Andeutung eines möglichen Rückzugs aus der Nato. Trump lässt aber selten den Drohungen auch radikale Taten folgen. Er eliminiert keine Regimekritiker, hat bisher keine Übernahme ausländischer Regionen angeordnet oder Rebellen mit den Waffen zum Abschuss ziviler Linienmaschinen ausgestattet wie Wladimir Putin. Und der US-Präsident fördert auch nicht – so wie es beispielsweise Teheran tut – islamistische Terrororganisationen. Kritiker werfen Trump gerne vor, durch das Aufkündigen internationaler Verträge Instabilität und Chaos zu riskieren.  Doch bis heute sind die vielen düsteren Visionen nicht eingetreten. Man muss den US-Präsidenten – trotz aller persönlichen Mängel– nicht zu fürchten.