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Bilanz des Schienenverkehrs
Teure Bahnvorstände müssen endlich Erfolge vorweisen

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Was die Bahnkunden wütend macht – neben vertauschten Wagenreihenfolgen, verpassten Anschlüssen und fehlenden Durchsagen – ist die permanente Schönrednerei. So lange Bahnvorstände Jahresbilanzpressekonferenzen geben, wird alles immer nur besser, komfortabler, schneller und, kein Witz, pünktlicher. Von Werner Kolhoff

Und stets hat es hinterher leider nicht geklappt.

Ersatzweise hat man sich gerne aufs Auslandsgeschäft konzentriert, wo man sich nicht mit maulenden Kunden und Regionalpolitikern herumschlagen musste. Bahnvorstands-Chef Richard Lutz ist vorzuhalten, dass er seit 2010 immer dabei war und geschwiegen hat. Vielleicht, weil es unter den Führungskräften des Unternehmens eine Kultur gibt, dem Eigentümer, also dem Bund, indirekt damit auch der Öffentlichkeit, lieber nach dem Maul zu reden statt unbequem zu sein? Dann wäre hier der erste Ansatz für eine Veränderung.

Lutz kann sich zugutehalten, dass er das als neuer Bahnchef verstanden hat. Er redet seit einem halben Jahr Klartext über den Zustand des Unternehmens. Er will die Bahn wieder auf ihr Brot- und Buttergeschäft konzentrieren: den zuverlässigen und schnellen Transport von Menschen und Gütern auf der Schiene in Deutschland. Er will dafür an allen Ecken und Enden investieren. Sein Plan ist herausfordernd für alle. Auch für die eigenen Manager, die im Bahntower in Berlin bisher in einer Art Wohlfühloase lebten, mit Jobgarantie ohne harte Erfolgsvorgaben, wie sie in vielen anderen Spitzenpositionen üblich sind. Nach diesem Vorlauf ist undenkbar, dass sie nächstes Jahr wieder mit Entschuldigungen für nochmals schlechtere Transportleistungen und nachlassende Erträge kommen. Der einzige Ausweg für sie lautet jetzt: Verbesserung. Oder raus. Freilich, das gilt auch für den Bahnchef selbst.



Herausfordernd ist Lutz‘ Plan vor allem für den Bund. Der war und ist ja im Grunde nicht besser als seine Bahn-Unternehmen. In Sonntagsreden wird dort dieses umweltfreundliche Verkehrsmittel beschworen, im Alltag hält man es kurz und fördert indirekt das Auto und den Lkw-Verkehr. Und sogar den Flugverkehr. Nun aber, da die Klimaschutzvorgaben auch im Verkehrssektor erfüllt werden müssen, ist die Not der Politik groß. Denn die Autobranche ist dazu weder willens noch in der Lage, wie sich erst in dieser Woche in der Verkehrskommission wieder gezeigt hat.

Jetzt öffnet sich ein Zeitfenster der Chancen für die Bahn. Sie fährt schon lange elektrisch; sofern der Strom erneuerbar ist, sogar klimaneutral. Eine Verkehrswende gelingt nicht, eine Bahnwende vielleicht schon. Im Koalitionsvertrag ist von einer Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030 die Rede und von einer deutlichen Erhöhung des Güteraufkommens. Ähnliches hat die Verkehrskommission formuliert. Es ist eine Vision, die viel leichter erreichbar ist, als zehn Millionen Elektroautos auf den Straßen. Der Öko-Zug steht abfahrbereit auf dem Gleis. Es muss jetzt nur noch Strom auf den Fahrweg.