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Weniger Straftaten
Sicherheitsgefühl ist mehr als eine Frage der Statistik

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Deutschland wird immer sicherer. Die Zahl der erfassten Straftaten ist im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr; die Aufklärungsquote steigt, es gibt weniger Diebstähle, weniger Einbrüche und Gewalttaten. Auch die politisch motivierten Delikte sind leicht zurückgegangen. Was will man also mehr? Deutschland ist auf dem Weg zum Hort der Friedfertigkeit. Das alles ist freilich zu schön, um wahr zu sein. Von Hagen Strauss

Denn das Problem ist, dass viele Bürger die Kriminalitätslage völlig anders empfinden. Vergleichbar etwa mit der wirtschaftlichen Situation im Land: Die Konjunktur brummt seit Jahren, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie schon lange nicht mehr, Fachkräfte werden dringend gesucht. Umstände, um die andere Länder die Republik beneiden. Und dennoch ist die Unzufriedenheit bei vielen Menschen groß. Weil solche statistischen Erfolge nicht automatisch die deutsche Realität in ihrer Gänze abbilden; weil die persönliche Wahrnehmung oftmals eine andere ist. So ist es auch mit der Kriminalität: Das subjektive Empfinden beurteilt die Situation im Moment vielfach schlechter, als sie sich anhand der gestern von Innenminister Horst Seehofer vorgestellten Zahlen darstellt.

Deutschland ist aber tatsächlich sicherer geworden, trotz all der Probleme, die zweifellos noch existieren. Die Sicherheitsbehörden kooperieren endlich besser, viele Gesetze wurden verschärft und es wird härter und konsequenter durchgegriffen. Die öffentlichen Debatten um die zunehmende Verrohung, auch speziell um einzelne Deliktarten wie dem Wohnungseinbruch, haben der Politik Beine gemacht. Der Kampf gegen den Terrorismus ebenso. Allerdings gibt es keinen Grund für Entwarnung, da hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) Recht. Schließlich gibt es immer auch ein Dunkelfeld, das die Statistik nicht erfasst. Und die nackten Zahlen beruhigen Menschen eben nicht, die in Brennpunkt-Stadtteilen leben, die ein mulmiges Gefühl in der U-Bahn oder im Bus haben, weil weit und breit kein Personal in Sicht ist. Oder aber, die fürchten, jederzeit Opfer einer Messerattacke zu werden, weil um solche Fälle medial zuletzt ziemlich viel Wirbel gemacht wurde.

Nicht die Taten allein sind daher das Gift für eine freie Gesellschaft und ihren Zusammenhalt. Es ist die Unsicherheit, die sich breit gemacht hat. Auch Seehofer hat dies gestern betont. Dagegen hilft nur Prävention durch Präsenz. Polizei muss im öffentlichen Raum wieder deutlich sichtbarer werden. Das bringt mehr Sicherheit, real und gefühlt. Dafür braucht es aber deutlich mehr Personal. Im Koalitionsvertrag versprechen Union und SPD Tausende neue Stellen bei den Sicherheitsbehörden. Wie die Koalition ihr Vorhaben im Zusammenspiel mit den Ländern umsetzen will, ist freilich noch offen. Und weil das so ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Statistik und persönliches Empfinden vieler Bürger in Deutschland auch weiterhin auseinanderklaffen werden. Bis das schwarz-rote Personalversprechen irgendwann einmal eingelöst wird.