| 20:41 Uhr

Freilassung des regimekritischen Journalisten Golunow
Etappensieg für die Opposition in Russland

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Wir kennen Präsident Wladimir Putin bislang nur als Sieger. Als unbestrittenen Liebling des russischen Wahlvolks, als namenlosen Feldherrn in der Ostukraine und gepriesenen Herrscher über die annektierte ukrainische Krim. Von Klaus-Helge Donath

Nicht zuletzt auch als Bezwinger des mörderischen Konflikts in Syrien. Nicht zu vergessen, auch als „Wahl­assistenten“ weltweit von der EU bis zu den USA. Kurzum, Wladimir Putin besitzt ein Sieger-Gen. Zumindest will uns der Kreml dies weismachen.

Sieger können großzügig sein. Doch war es Großmut, die den Kreml verleitete, den Enthüllungsjournalisten Iwan Golunow aus der Schusslinie zu nehmen? Nach sechs Tagen Tortur mit Rippenbruch und Gehirnerschütterung plötzlich alle Anklagepunkte fallen zu lassen, die aus dem Journalisten-Ermittler einen Drogendealer machen wollten? Golunow ist kein Einzelfall, im Gegenteil. Nur erlangten die vielen anderen Opfer nicht die gleiche Aufmerksamkeit.

Bislang hatten journalistische Gemeinde, soziale Medien und Zivilgesellschaft eine derart umfassende Solidarisierung nicht zustande gebracht, die maßgeblich für die Freilassung Golunows war. Vor dieser Soliddarisierung erschaudern nun Wladimir Putin und seine alternde Gefolgschaft.



Es ist der Kleinmut einer hochkorrupten Kaste, die vor der Furchtlosigkeit einer jüngeren Generation bis aufs Mark schlottert. Sonst wären die Zugeständnisse im Fall Golunow unmöglich gewesen. In der Logik des Kreml kommt dieses Waffenstillstandsangebot dem Eingeständnis einer Niederlage gleich. Daher ist es für Gegner des Systems wichtig, sich mit diesem Etappenerfolg nicht zufriedenzugeben.

Am meisten fürchten Putin und die Seinen eine Bewegung wie vor Jahren in der Ukraine auf dem Maidan in Kiew. Sie fegte die alten Machthaber davon. Ob allerdings Russlands Andersdenkende in der Lage sind, eine Alternative zu schaffen, sei dahingestellt. Es wird aber offener über andere Wege gesprochen, die Jüngeren lassen sich nicht mehr so leicht einschüchtern. Nicht zuletzt hat sich eine kritische Gemeinde zugeschaltet, die bisher der Straße fernblieb, im Netz aber präsent war. Die Opposition 2.0.

Noch liegt Putin gut im Kurs. An den Zustimmungswerten dürfte gleichwohl gedreht worden sein. Mehr Stimmen als die SPD bekommt er aber allemal. Die Bürger verbinden mit ihm indes keine größeren Hoffnungen mehr. Der Kremlchef ist wieder auf menschliches Maß zurechtgeschrumpft.

Trotz dieser Entwicklungen sucht man im Osten unserer Republik die Nähe zum Kremlchef. So manche Spitzenpolitiker in Ostdeutschland wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer schwänzten anscheinend Grundkurse politischer Bildung. Man spürt, dass sie 40 Jahre Demokratiebildung West weder zu schätzen wissen noch im Osten vermitteln können. Das autoritäre Russland Putins macht sich gerne über die sogenannte Scheindemokratie des Westens lustig. Ostdeutsche Politiker klingen oft ähnlich verächtlich. Der Fall Golunow sollte ihnen zu denken geben.